Haus Nr.18 Gasthof Schwarzer Adler
Sollenauer Hausgeschichten Teil 1 / 2. Auflage, erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 4/2020 Mag. Jürgen Scheibenreif
Die Lage Sollenaus als vor 1166 an der Piesting errichteten österreichischen Grenzort gegen die Steiermark einerseits und die Lage an der im 12. Jahrhundert erbauten Handelsstraße Wien-Venedig über den Semmering („Venediger Straße“) andererseits brachten es mit sich, dass topographisch zwei gute Gründe für die Errichtung einer Taverne gegeben waren. Weitere daraus folgende Gründe, welche die Errichtung begünstigten, waren naturgemäß die Lage am Marktplatz (Ersterwähnung als Markt 1304), der spätestens im 13. Jahrhundert angelegt worden sein muss und die Sollenauer Maut an der Piesting, welche erstmals 1353 erwähnt worden ist.
In der Folgezeit entwickelte sich diese Taverne zu einem regelrechten Einkehrgasthof, mit großzügigen Unterbringungs- und Verpflegungsmöglichkeiten für die Reisenden, sowie Pferde und Fuhrwerk. Sollenau war für diesen Einkehrgasthof naturgemäß weit bekannt und der Ruf von Sollenau wurde im Mittelalter nicht nur durch das Bauwerk der markanten Pfarrkirche St. Laurent mit ihrem weithin bekannten hohen Turm, den seit 1220 überlieferten Weinbau am Sollenauer Berg („monte iuxta Salchenowe“), genannt Mitterberg, sondern auch über diesen jahrhundertealten Einkehrgasthof begründet.
Das genaue Alter dieses Einkehrgasthofes ist unbekannt. Herr Dr. Karl Goll in seiner Chronik von Sollenau aus dem Jahre 1908 kann lediglich von einer mündlichen Überlieferung berichten, dass dieser Gasthof einst den Babenbergern, danach dem Stift Melk und anschließend der Herrschaft Schönau unterstand. Ich erachte es, durch die Notwendigkeit, dieses Bauwerk steinern für den Handelsverkehr zu errichten, als gegeben, dass diese Taverne schon im Mittelalter bestand und vermutlich gemeinsam mit der romanischen Pfarrkirche (Bausubstanz um 1150-1246), dem Pfarrhof, sowie der 1393 ersterwähnten Sollenauer Mühle (Niedermühle) an der Piesting zu den ältesten Bauwerken des Marktes Sollenaus gehörte.
Grund genug, dieses ehemalige Bauwerk genauer zu betrachten: Die Einsichtnahme in das Grundbuch der Herrschaft Schönau aus dem Jahre 1756 (fol. 54) und die dazugehörenden Besitzstandesblätter zeigen, dass dieser Einkehrgasthof tatsächlich einst im Eigentum der Herrschaft Schönau stand und die Wirte lediglich als Bestandsinhaber, genannt Bestandswirte die Taverne betrieben. Verfolgt man die Eigentümerstruktur von Sollenau, so zeigt sich, dass Sollenau einst landesfürstliches Eigentum der Babenberger und danach der Habsburger war und vermutlich erst im Jahre 1407 der Herrschaft Schönau angeschlossen wurde. Betrachtet man zugleich die frühen herrschaftlichen Symbole, welche die Babenberger verwendet haben (Löwen und Adler, vermutlich schwarz auf goldenem Grund), so kann nicht nur aus der Eigentümerstruktur eine mögliche Assoziation zur Bezeichnung „Schwarzer Adler“ hergestellt, sondern auch die teilweise Richtigkeit der mündlichen Überlieferung bestätigt werden.
Das Grundstück des Gasthofes lag zwischen dem alten Ganzlehnerhaus Nr. 17, welches 1839 (behördliche Bewilligung von 1843) in die beiden Halblehen Nr. 17 (Goldenes Dachl) und Nr. 79 (Kaufhaus Koisser) geteilt wurde, sowie dem Halblehnerhaus Sollenau Nr. 19 (Billa).
Die älteste Kunde über die herrschaftliche halbjährige Schankgerechtigkeit (Taverne) in Sollenau findet sich in einer Selbstbemessung der Herrschaft Schönau (Gegenanschlag) aus dem Jahre 1630. Der Hinweis auf die halbjährige (exklusive) Schankgerechtigkeit liefert die Unterscheidung zum Verkauf des Eigenbauweines durch die untertänigen Bauern, welche diesen halbjährlich ausschenken („leutgeben“) konnten, zum Zwecke der Abgabensicherung dies aber am Gebäude anzeigen („ausstecken“) mussten, während die herrschaftliche Taverne mit einem Schild gekennzeichnet und als „Schildwirt“ bezeichnet wurde. Erst später wurde für das aus dem Mittelalter stammende Recht der Bauern die hier nicht gebräuchliche Bezeichnung „Heuriger“ anstatt „Leutgeb“ üblich.
Die älteste Kunde eines Wirten von Sollenau findet sich in den Leobersdorfer Kirchenbüchern, welche noch vor dem Türkenkrieg 1683 am 09.02.1659 von einem Veit Basler, „Würth zu Sallenau“ anlässlich einer Trauung berichten. In der Chronik der Sollenauer Pfarre findet sich über die Inschrift eines der ursprünglich 7 Altäre der Kirche, des heute nicht mehr vorhandenen Elisabethaltars, welcher sich links vorne an der Frauenseite an der Stelle des heutigen Heiligen Grabes befand, die Nachricht, dass dieser im Jahre 1696 von Herrn Johann Carl Rauchecker, Bestandswürth und Gastgeber alhier und seiner Ehefrau Maria gestiftet worden war.
Die ältesten bekannten Sollenauer Kirchenbücher (1690-1708) sind unglücklicherweise gemäß Sollenauer Pfarrchronik zwischen 1761 (Inventur Pfarrer Modesti) und 1820 (Kirchliche Topographie Pfarrer Faupel) verschollen geraten. Deshalb kann mit den Kirchenbüchern und dem Grundbuch erst ab 1708 eine detaillierte Geschichte der Taverne erreicht werden.
Die Sollenauer Kirchenbücher zeigen, dass in den Jahren 1708-1713 Caspar Maslobski und seine Ehefrau Maria Magdalena Bestandswirte im Gasthof Schwarzer Adler waren. 1717-1718 erscheinen Andreas und Anna Maria Frantz als Bestandswirte gesichert. Von 1719-1724 erscheinen Conrad Schneider mit seiner Ehefrau Anna Margaretha bzw. Maria als Bestandwirt. Von 1724-1732 erscheinen Michael und Anna Maria Hamb mit 6 Kindern als Bestandswirte in Sollenau. Um 1733 erscheint ein herrschaftlicher Bestandswürth namens Peter Synn, welcher am 05.02.1733 vor dem Elisabethaltar versehen mit dem Todesdatum 04.02.1733 und seinem Alter (33 Jahre) beigesetzt wurde. Seine Ehefrau: Maria Anna, wirkte noch am 23.01.1733 als Taufpatin.
Ab 31.08.1734 tritt hier eine der großen Sollenauer Familien in das Licht der Geschichte. Bei einer Taufe werden erstmals Herr Franz Höfling und seine Ehegattin Maria Anna als „Bestandswürthe“ erwähnt. Franz Höfling stammte aus Hütteldorf bei Wien und ehelichte die Witwe des vormaligen Bestandswirten. Die beiden Ehegatten bekamen zusammen 8 Kinder, von denen 5 Kinderlein (Anna Elisabeth, Johann Joseph, Theresia, Johann Balthasar, Anna Catharina) jedoch früh verstarben. Am 16.06.1747 verstarb die Ehegattin Maria Anna und kurz darauf auch ein weiteres, sechstes Kind; ihr Neugeborenes Johann Paul (31.07.1747).
Aus diesem Anlass wurde im Jahr 1747 ein Abhandlungsprotokoll (Inventur und „Schazung“) erstellt, welches über den beeindruckenden Weinkeller Aufschluss gibt. Der Wein stammte teilweise aus Gumpoldskirchen und das Bier, zufolge einer passivierten Verbindlichkeit gegenüber dem Braumeister von Baden, aus Baden:
10 Emer 1738 Österreicher Gewächß
20 Emer 1739 Österreicher
30 Emer 1743 und 1744 Gumpoldskirchner57 Emer detto Österreicher
50 Emer 1746 Gumpoldskirchner
184 Emer Österreicher 1746 Gewächß
351 Emer Total
Rechnet man nun die 351 Eimer nach dem damaligen Maß (1 Eimer=56,589 l) in Liter um, so ergeben sich rd. 20.000 Liter Wein im Weinkeller. Möglicherweise war im herrschaftlichen „Schwarzen Adler“ auch kurzfristig, ähnlich dem Wiener Neustädter Brauhaus, eine herrschaftliche Brauerei angeschlossen. Aus dem Jahre 1732 ist nämlich zu erfahren, dass es das „Sollenauer Bier“ bzw. eine Brauerei in Sollenau gab (Cerevisia Austro-Viennensis Mechanico-Clinice Elucubrata, Diss. von Adamus Josephus Besnecker, Wien, 1732).

Franz wiederverheiratete sich mit Susanna, welche ihm 3 drei weitere Kinder schenkte, von denen 2 Kinderlein auch früh verstarben (Theresia, Laurent). Der Bestandswirt Franz starb kurz nach der Geburt des letzten Kindes am 18.07.1750. Seine Kinder jedoch begründeten Dynastien. Franz Höfling jun. (* 30.03.1738) erlernte, vermutlich über seinen Schwiegervater und Kupferschmiedemeister Jacob Stubnvoll, das Kupferhammerschmiedewerk und übernahm 1772 das Areal der stillgelegten Sollenauer Säbelklingenfabrik, mit dem Kupferhammer. Die Tochter Anna Barbara (*20.09.1742) ehelichte einen Hammerschmiedemeister aus Hüttenberg. Der zuletzt geborene Sohn (Peter Paul, * 29.06.1750) übernahm in 2. Generation den Schwarzen Adler als Bestandswirt. Bis der jüngste Sohn übernahm, musste jedoch das Fortkommen der Witwe und der hinterbliebenen Kinder gesichert werden. So wiederverehelichte sich Susanna mit dem aus Schwechat stammenden Elias Damiantsch, mit welchem sie den Schwarzer Adler bis zur Übernahme ihres Sohnes Peter Paul um 1775 führte.
Als 1771 erstmals Hausnummern eingeführt wurden erhielt der „Schwarze Adler“ die Anschrift Sollenau Nr. 18 und behielt diese bis zum Anschluss im Jahre 1938.
Peter Paul heiratete am 24.09.1771 seine Maria Anna bzw. Anna Maria, eine Käsmachertochter aus Kaumberg, mit der er als Bestandswirt in Sollenau 16 Kinder hatte. Am 31.08.1793 zeigte sich vermutlich die Bedeutung der günstigen Verkehrslage für die Taverne bei der Geburt des 14. Kindes (Anton Leopold). Als Taufpaten agierten die vermutlich hier Durchreisenden Anton Graf von Grassalkovich und seine Ehefrau Leopoldine, geb. Fürstin von Esterhazy. Nur drei der 16 Kinder (Franz, Vinzenz u. Anton Leopold) überlebten das Kindesalter, wovon 2 (Franz, Vinzenz) ihr Leben in Sollenau führten.
Am 04.05.1802 verstarb Peter Paul Höfling. Die Witwe und die hinterbliebenen Kinder mussten versorgt sein und so ehelichte sie am 10.10.1802 in Ebenfurth den Sohn des Haus- und Hofmeisters vom Grafen Leslie in Graz, Herrn Dominik Zöhrer, mit welchem die Höfling- Witwe bis 1812 den Schwarzer Adler weiterführte. Mit Kaufbrief vom 06.03.1805 konnte mit Wirkung 05.01.1807 sogar erreicht werden, dass am Ende der privilegierten herrschaftlichen Ausschank der Schwarze Adler als Eigentum der Herrschaft Schönau in ein normales Lehen, ausgestattet mit mehreren Hausgründen (Äcker) umgewandelt wurde.
Mittels Kaufvertrag am 10.12.1812 übernahm Friedrich Seiser, geb. 05.06.1789, der aus Wiener Neustadt stammende Sohn eines Landkutschers zum enormen Betrag von 25.000 Taler den Schwarzen Adler.
Auch nach dem Abgang am Schwarzen Adler war die Höfling-Witwe Anna weiterhin in der Gastronomie und schuf, als um 1820 gegenüber der Kirche 4 Hofstätten angelegt wurden, die Grundlage für einen neuen Standort in Sollenau; nämlich als „Bierwirthin“ jene für den Gasthof Krone (späteres Gasthaus Schenk, heute asiatisches Restaurant) bis Anna am 27.05.1823 verstarb. Ihr folgte Ehemann Dominik am 28.04.1829.
Der neue Eigentümer, Herr Friedrich Seiser, konnte sich offensichtlich eines besonders guten Rufes erfreuen und so wurde der Wirt des Schwarzen Adlers zugleich Marktrichter (bis 1850 Vorgängeramt des Bürgermeisters) von Sollenau (Nennungen von 1819, 1820, 1821, 1822, 1824), bis er in dieser Funktion von Paul Schweidl (Nennung ab 1826) abgelöst wurde. Mit
seiner Frau Anna, geb. Täubel, hatte er insgesamt 7 Kinder. Nach dem frühen Tode seiner Frau (17.04.1839) wiederverehelichte er sich mit der jungen Theresia Wedel aus Aspang, mit der er weitere 2 Kinder hatte, bis er am 07.07.1847 aus dem Leben schied. Die junge Witwe übernahm die Führung des Schwarzen Adlers, bis 1857 einer der beiden Söhne aus ihrer Ehe mit Friedrich (Heinrich, geb. 30.07.1842) die Führung übernahm.
Heinrich verehelichte sich mit Amalia Theresia, geb. Glatzl mit der er 3 Kinder hatte und führte den Schwarzen Adler bis zu seinem frühen Ableben am 14.08.1870 (28-jährig, Tuberkulose), woraufhin die Witwe bzw. ab 1873 infolge Wiederverehelichung auch ihr Gatte Anton Wolf das Eigentumsrecht erhielten.

Abbildung 2: „Stammtisch der Bettschoner“ im Schwarzen Adler. Diese Gesellen einschließlich des in Berufskleidung befindlichen Friseurs, Herrn Wöchtl, spielten die Königsdisziplin des Tarock („Königrufen“ mit 54 Karten).
Am 21.03.1874 erhielten Johann und Theresia Staudinger das Eigentumsrecht. In den Jahren 1876 und 1880 erscheint Johann Michael Killmaier als Eigentümer. 1899 wechselte das Eigentumsrecht an Herrn Johann Stürzer. Der letzte Besitzer des Schwarzen Adlers war seit 1925 die Familie Karl Koisser, zusammen mit den Urhausbesitzern Oßwald, sowie der aus Schwaben zugezogenen Familie Frisch eine der 3 ältesten noch vorhandenen Familien Sollenaus. Ein Spross der Familie (Michael) kam um 1708 aus Krumbach und heiratete in Leobersdorf seine Catharina aus Lindabrunn, womit sämtliche Nachkommen der heutigen Zeit begründet wurden. Das 1. Kind (Leopold I) kam 1709 noch in Leobersdorf zur Welt, dann übersiedelten die Eltern vor 1711 nach Sollenau. Die Eltern von Michael in Krumbach (Paul und Magdalena) hießen noch Kochesser. Um 1700 verschwand das „ch“, wurde teilweise noch in Klammer geschrieben und so wurde aus dem Familienname Kochesser über Ko(ch)esser der Name Koesser, Koisser bzw. Koißer/Koihser.

Aufgrund des fortschreitenden Kraftfahrzeug-, insbesondere Autobusverkehrs stellte das Hauseck eine Gefahr für den überregionalen Verkehr dar. Im Jahre 1935 erfolgte daraufhin der Abriss, leider ohne bauarchäologische Untersuchungen des Gebäudes und seiner Kellergewölbe, womit die Geschichte des ersten Hauses am Platze, dem „Schwarzen Adler“, unaufgeklärt endete.


