Der Matschakerhof (vormals Metzbergen-Hof)
erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 3/2021 Mag. Jürgen Scheibenreif
Unsere Marktgemeinde birgt historische Gebäude, Flächen und Bezeichnungen, von deren ursprünglicher Nutzung und Herkunft wir heute kaum mehr Kenntnis haben. Eines dieser Gebäude, welcher noch den älteren Sollenauern gut in Erinnerung sein wird, ist der Matschaker-Hof, indem viele Sollenauer Familien bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ihr Heim fanden. Die Suche nach der rätselhaften Bezeichnung „Matschaker-Hof“ (einen solchen gab es auch in Wien und in der Feldgasse in Leobersdorf) führt uns zurück in die Zeit Maria Theresias, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn, Königin von Böhmen etc.
Im Österreichischen Staatsarchiv ist eine allerhöchste Weisung Maria Theresias vom 30.05.1755 erhalten (Privilegium Protectorium für den Christoph v. Mezberg, auf die zu Salenau errichtete Stahl-Fabrique), indem sie schreibt: „Wir Maria Theresia, erkennen öffentlich mit diesem Brief und thun kund jedermänniglich, daß uns unser getreuer, lieber Christoph v. Metzberg alleruntersthänigst zu vernehmen gegeben, welchergestalten er verschiedene Zeug-Schmid und Stahl- Arbeit, als Seiten-Gewehr, fein pollierte Flinten-Schlösser, Tuch-Scheuren und dergleichen mehr entweder hierlands noch nicht oder doch in der gehörigen Qualität keineswegs erzeugte Gattungen zu Salenau allhier in Österreich unter der Enns fabricieren zu lassen allbereits angefangen, auch durch einen anher gezogenen in Sachen best erfahrenen Werkmeister verschiedene mit gutem Erfolg ausgefallene Prob-Stücke verferttigt worden, er aber nunmehr eine grössere Anzahl von auswärtigen derley Werkleuten zu bestellen, jedoch vorzüglich einheimische darauf abzurichten, mithin sothann Stahl-Fabrique in weiteren Fortgang und vollkommenen Stand zu setzen, auch des Endes sich mit einer … unterstützenden Societat zu vereinigen in der allerunterhänigsten Zuversicht vorhabens seyn, daß wir Ihm hierauf ein Privilegium und Schutz-Brief allermildest zu verleyhen geruhen mögten.“

Das alte Grundbuch der Herrschaft Schönau aus dem Jahre 1756, fol. 53 zeigt, dass Christoph von Mezberg und seine Ehefrau Elisabeth im Jahre 1755 auf Herrschaftlich Schönauer Grunde am heutigen Standorte Pachergasse 8 als Inhaber einer „Säbl-Klingen-Schmidten, Schleif- und Pollier-Mühl“, hinter dem Herrschaftlichen Kupferhammer am Kalten Gang angeschrieben wurden. Die Kirchenbücher der Pfarre Sollenau zeigen, dass die Familie auch in Sollenau ansässig war. Am 18.02.1757 kam Töchterlein Eleonora Josepha von Metzberg zur Welt, wobei angemerkt wurde, dass Herr von Metzberg gerade in Militärdiensten im Oguliner Regiment des Generals Petazzi an der Kroatischen Militärgrenze stand. Das Töchterlein verstarb im Kindesalter und wurde am alten Sollenauer Friedhof an der Kirche beigesetzt (13.04.1758). Frau von Metzberg trat noch am 10.01.1760 als Taufpatin, gemeinsam mit Sohn Karl, auf.
Während Christoph von Metzberg der unternehmerische Leiter war, oblag die Betriebsleitung dem im Privileg und Schutzbrief erwähnten Werkmeister, namens Cajetan Moßdorffer, welcher ebenso per 30.05.1755 ein gesondertes „Schutz-Decret“ erhielt. Diesem Mann dürfte Ausstrahlung und Beliebtheit innegewohnt haben, da einige Sollenauer Kinder, unter anderem auch der Familie Frisch, den hier nicht gebräuchlichen Namen Cajetan erhalten haben. Hergestellt wurden insbesondere auch Säbel und Pallasche.
Aufgrund von unstetem Wasser der Piesting, insbesondere im Winter, wurde die Stahl- bzw. Säbelklingenfabrik 1772 aber nach Pottenstein verlegt und die Gründe der Fabrik wurden vom Bestandsinhaber des Kupferhammers, der Familie Höfling, übernommen. Im Jahre 1811 erwarb Peter Freiherr von Braun das Gelände und errichtete im Jahr darauf 1812 zwischen Kupferhammer und dem Metzbergenhof/Matschakerhof die Sollenauer Textilfabrik.

Als 1771 Hausnummern eingeführt wurden erhielt der Metzbergenhof/Matschakerhof die Anschrift Sollenau Nr. 8. Während also bis 1812 überwiegend Kupferhammerschmiedgesellen und deren Familien das Gebäude bewohnten (Bergwein, Birkner, Brucker, Furtner, Grabner, Johann Keppelhofer, Laurenz Lang, Payer, Springer, Traxler) waren ab 1812 Arbeiter der Sollenauer Textilfabrik im Gebäude einquartiert und dies blieb auch so bis ins 20. Jahrhundert.

Was aber führte zur Namensgebung Matschakerhof? Eine Antwort auf diese Frage konnte nur mit Glück erlangt werden, nämlich indem beim Durchblättern des alten Gewährbuchs der Herrschaft Schönau eine Beschreibung des Grundstücks aus dem Jahre 1823 gefunden werden konnte, die besagt: „einen vormahls bestandenen Stadel [Säbel & Klingenschleif] Metzberger oder Matschakerhof genannt.“ Es liegt hier also ein sprachlicher Übergang (Verballhornung) des alten Namens vor. Möglicherweise entstammte dieser aus der Zeit der vielen zugezogenen tschechischen Familien (unter anderem Stepanek, Podebradsky aus Prag, die Familien Hrabec und Straka aus Mähren), sowie Kroaten aus Ungarn, welche großteils im Dienste der Textilfabrik tätig waren und für welche es naturgemäß nicht leicht gewesen sein dürfte, den ursprünglichen Namen wiederzugeben. Die zugezogenen Kroaten aus Ungarn entstammten großteils den kroatischen Dörfern des heutigen Burgenlands, es waren unter anderem die Borenich, Jankovich, Radkowitsch, Vukovich, sowie die Wallaskovits aus Steinbrunn, die bis heute zur Bevölkerung Sollenaus zählen.

In den Luftangriffen auf Sollenau in den Kriegsjahren 1944/45 erhielt der Matschakerhof am 24.05.1944 einen Bombenvolltreffer und aus dem ursprünglichen „U-Bau“ verblieb ein „L- Bau“, der aber weiterhin zu Wohnzwecken genutzt wurde.


Eine der letzten Einwohnersituationen konnte aus dem Jahre 1955/1956 rekonstruiert werden: Im Erdgeschoß des zerbombten Gebäudes wohnten die Familie Siebert, die Familie Ratkowitsch sen. (später gefolgt von Trnka), 2 Damen der Familie Borenich, sowie die Familie Adolf Falta. Den Stiegenaufgang in das Obergeschoß folgend wohnte „die Poldi“, benachbart zur Familie Pincsolits, dem älteren Ehepaar Bauer, sowie der Familie Radkowitsch jun. (später gefolgt von Horvath aus der Böhler). Im Nebengebäude wohnten die Familien Brantner mit Ziehsohn Alois Wallaskovits, Faber, Freitag, Fuchs, Pöltl u. Schneider. Neben den Gebäuden befand sich ein Brunnen.
Im späten 20. Jahrhundert wurde der Metzbergenhof/Matschakerhof abgerissen und durch den Tennisplatz und den daneben befindlichen Eislaufplatz, sowie das heutige Gasthaus am Kirchenfeld ersetzt, leider ohne mit einer Namensgebung auf die große Tradition hinzuweisen.

