Die Sollenauer Mühle und der Kupferhammer
erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 2/2023 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.
Von den vermutlich ältesten steinernen Zeugen Sollenaus (Kirche, Pfarrhof – einst Babenberger-Burg, Herrschaftliche Taverne „Schwarzer Adler“ und Mühle) sind nur mehr Kirche und Pfarrhof erhalten. Ein Bauwerk Sollenaus, einst weithin bekannt, soll näherer Betrachtung unterzogen werden; es handelt sich um die „Niedermühle“, eine der urkundlich ältesten Mühlen Niederösterreichs; sowie um den benachbarten Kupferhammer („Hammer“).
Die bis in das 20. Jahrhundert landwirtschaftlichen Volkswirtschaften Europas bedingten zur Verarbeitung der landwirtschaftlichen Hauptprodukte eine Mühle. Somit waren die Mühlen unabdingbar zum Funktionieren der alten Gesellschaftsstrukturen und die Müller (lat. Molitor) waren angesehene Unternehmer. Sie erhielten als Lohn einen Anteil am Endprodukt (bspw. „das 14. Pfund“). Die Lage der Mühlen bedingte es, diese entweder an einem dazu geeigneten Nebenarm eines Flusses anzulegen oder aber dazu ein Nebengerinne zu errichten, welches meist am planmäßigen bzw. geraden Verlauf erkennbar war und welches meist den Namen „Mühlbach“ erhielt. Die Sollenauer haben mit dem Mehl der Sollenauer Mühle ihre Erzeugnisse selbst gefertigt. Einen Bäcker (lat. Pistor bzw. ugs. Pfisterer) gab es nicht. Erst im 19. Jahrhundert kamen die ersten Bäcker in Sollenau auf.
Die Sollenauer Mühle war mit 3 Gängen ausgestattet und war die Zweiterwähnte einer Reihe von Mühlen der Umgebung und datiert älter als die Mühle in Steinabrückl (1438), einst dort gelegen am Hauptplatz 1. Nur die Mühle des heute nicht mehr existenten Dorfes Hadmarsdorf bei Tattendorf an der Piesting war lt. II. Urbar des Stiftes Klosterneuburg mit einer Datierung 1303-1309 urkundlich älter. Die Ersterwähnung der Sollenauer Mühle stammt aus dem Jahre 1396, genauer gesagt am Sonntag, so man singt „Populus Sion“ (= 2. Adventsonntag, 1396). An diesem Tage wurde nämlich von den beiden österreichischen Herzögen Albrecht IV. und Wilhelm festgeschrieben, daß die Mühle, welche der Sollenauer Mautner Hans am Egke der Pfarrkirche vermacht hat, mit allem was dazugehört, nunmehr auch vom Grundherren, nämlich den beiden Landesfürsten, vom jährlichen Grunddienst (6 Schilling u. 3 Pfennig) befreit wurde und somit der Sollenauer Pfarrer Niclas von Ibs als freie Grundherrschaft darüber verfügen kann. Im Gegenzug musste die Pfarre Sollenau für das landesfürstliche Haus der Habsburger alljährlich auf ewige Zeiten am 29. August jeden Jahres („Johannes Enthauptung“) als Jahrtag ein Hochamt mit 4 Priestern ausrichten.

„Alles was dazugehört“ ist nicht normiert, doch ist aus ähnlichen Besitzverhältnissen von Mühlenbesitzern, welche um die 30 Joch Grund zusätzlich an Grund besaßen, zu schließen, daß der einst umfangreiche Grundbesitz der Pfarre auch aus dieser Schenkung resultierte, zumal auch die Piesting-Insel (8 Tagwerk Wiese zwischen dem Kalten Gang), auf welcher die Mühle stand, sowie etliche Äcker gegenüber auf der Neu-Wiesmahd einst zur Grundherrschaft der Pfarre Sollenau gehörten.
1404 verstarb Herzog Albrecht IV. und sein Mitregent Wilhelm verblieb bis 1406, zusammen mit dem minderjährigen Sohn Herzog Albrechts IV., Albrecht V., Landesfürst. Angesichts der Minderjährigkeit des Einen und dem Alter des Anderen begannen aber Begierigkeiten der engeren Verwandtschaft (Leopold und Ernst). Die Verhältnisse bis zum Antritt von Albrecht V. als Landesfürsten von Österreich im Jahre 1411 waren chaotisch und in diese Zeit, in welcher besonders der Bischof von Freising und Kanzler Berthold von Wehingen als Erzieher des minderjährigen Albrecht V. wirkte, fiel das Ende der landesfürstlichen Herrschaft Sollenau und der Anschluß an die Herrschaft Schönau, vermutlich zeitgleich mit dem Übergang an Berthold von Wehingen im Jahre 1407.
Nach dem Regierungsantritt von Albrecht V. wurde der Pfarre Sollenau im Jahre 1415 eine weitere großzügige Schenkung von Albrecht V. zuteil, nämlich der riesige Sollenauer Pfarrwald in Hölles, das „Hartt-Holz“ bzw. „Herzogs-Holz“, genannt „Hienernest“ in der Pongratzeben. Im Zuge dieser Schenkung musste der ewige Jahrtag bzw. das alljährliche Hochamt für das Erzhaus von Österreich von 4 auf 6 Priestern erweitert werden und der 29. August war sicherlich zugleich mit dem St. Laurenti Tag (10. August) und dem Krautsieden ein Höhepunkt des Dorflebens. Die Pfarre hat diesen Wald erst Mitte des 20. Jahrhunderts verloren, indem der Wald aufgrund der Grundverluste, welche die Bauern für den Bau der Luftmunitionsanstalt XVII der Deutschen Luftwaffe im Wald von Hölles erlitten, an Bauern ausgegeben werden musste.
Aus dem Jahre 1529 ist im Stift Melk noch ein Schreiben des Sollenauer Pfarrers Hans Dürr enthalten, woraufhin die Bedingungen dieser Stiftungen noch bekannt waren:

Die Konditionen der Stiftung wurden von der Pfarre nicht eingehalten, wonach im Jahre 1650 von Kaiser Ferdinand der Herrschaft Schönau aufgetragen wurde, diese Verpflichtung der Pfarre zu finanzieren und einzuhalten. Als Gegenleistung dafür musste die Herrschaft Schönau nur 100 Eimer Zehentwein an den Landesfürsten abliefern, anstatt 300 Eimer zuvor. Wie aber kam es, daß die Herrschaft Schönau nun verpflichtet wurde, die Leistung abzuliefern? Die Antwort auf diese Frage resultiert aus den Wirren der evangelischen Reformation und der Gegenreformation. Im Zuge dieser Wirren hat sich nämlich die damals evangelische Herrschaft Schönau vor 1630 in den Besitz der evangelischen Pfarren Sollenau und Schönau, sowie Günselsdorf gebracht und somit den bisherigen Patron (Stift Melk) ausmanövriert, was auch nach der erfolgreichen katholischen Gegenreformation so verblieb. Der Streit ging bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Als Patronatsherren der Pfarren saßen die Herren von Schönau auf dem längeren Ast und konnten der Pfarre diktieren. Der Rechtsweg der Pfarre verblieb erfolglos und so kam es, daß die Mühle zwar in der Grundherrschaft der Pfarre verblieb, aber an die Herrschaft Schönau ging und diese einen überschaubaren Betrag von nur 12 Gulden (bei jährlichem Ertrag von 130 Gulden) an die Pfarre alljährlich zu zahlen hatte.
Von dieser Herrschaft Schönau ging die Mühle dann an Peter Freiherr von Braun, welcher im Jahre 1812 zwischen Mühle und Kupferhammer einerseits (Pachergasse 6), sowie der alten Säbelklingenfabrik andererseits (Matschakerhof, vormals Metzbergenhof, Pachergasse 8), seine Spinnerei errichtete.
Als dieser, insbesondere verschuldet bei der Familie Pacher von Theinburg, finanziellen Schiffbruch erlitt, ging der Besitz an die Familie Pacher von Theinburg. Die neuen Eigentümer planten, die Mühle künftig für ihre Fabrikszwecke zu benützen und 1838 die jahrhundertelange Verwendung als Mühle für die Sollenauer Bauern zu beenden. Im Jahre 1843 kam es zu einer Einigung mit der Fam. Frauendorfer, einer Sollenauer Familie, welche im Besitz der Felixdorfer Mühle stand, mit der Gemeinde Sollenau, wonach die Sollenauer Landwirte mittels zugesagter Konditionen fortan die erst 1811 in Felixdorf errichtete Mühle in der Mühlstraße (in zeitliche Abfolge der Eigentümer „Hautmann-Mühle“, „Fischer-Mühle“, „Frauendorfer-Mühle“, „Seiser-Mühle“ und „Engel-Mühle“ genannt) benützten.
Die Bestandsinhaber (Pächter) der Sollenauer Mühle sind ab 1713 weitgehend namentlich bekannt, wobei hier exemplarisch nachfolgend Angeführte genannt werden sollen: Aus den Jahren 1713 und 1715 sind als Müller Benedikt Öttinger und seine Frau Anna Maria, nebst Kinder bezeugt. 1725 und 1727 sind Michael Plattner und Ehefrau Elisabeth mit Kinder genannt. Ab 1746 ist bereit Jacob Muhr mit seiner Ehefrau Catharina und 6 Kindern bezeugt. Diese waren offensichtlich wohlhabend und erwarben 1747 auch das Ganzlehenbauernhaus Hauptplatz 9. 1758 starben kurz darauf die beiden Ehegatten. Ab 1764 sind die Eheleute Mathias und Anna Maria Seltner mit 9 Kindern als Müller überliefert, welche wieder in der Mühle wohnten. Die letzten Sollenauer Müller, welche ab 1817 bezeugt sind, waren das Ehepaar Johann Peter und Elisabeth Mittermüller mit ihren 5 Kindern.
Im Jahre 1647 befindet sich in Wiener Neustädter Akten die Ersterwähnung des Sollenauer Kupferhammers. Dieser Kupferhammer führte später die Bezeichnung „Herrschaftlicher Kupferhammer“, taucht aber 1630 in der Herrschaftlich Schönauer Vermögensübersicht nicht auf, was auf eine mögliche Errichtung zwischen 1630-1647 schließen lässt. Der Kupferhammer verwendete ebenso das Wasser des Mühlbaches und lag exakt gegenüber der alten Mühle. Aus einem Reisebericht des Jahres 1810 ist anläßlich einer Besichtigung zu erfahren, daß dieser jährlich 2000 Zentner (Pfund) Kupfer verarbeitete und damit Branntweinkessel, Platten zu Braupfannen und Ähnliches erzeugte. Aus dem Jahre 1826 zu lesen, daß der Hammer bei 150 Arbeiter beschäftigt, jährlich 3000-4000 Zentner verarbeitet und auch Kessel und Kochgeschirre verarbeitet werden und sich der Absatzmarkt bis Italien und in die Türkei erstreckt.

Die Mühle erhielt bei Einführung der Hausnummern im Jahre 1771 die Hausnummer Sollenau Nr. 9, während der gegenüberliegende Hammerhof die Hausnummer Nr. 10 erhielt. Später, um 1825/1830, wurden beide Gebäude postalisch vereint und erhielten zusammen die Hausnummer Sollenau Nr. 9.

Der Kupferhammer war bis zuletzt der Herrschaft Schönau zugehörig und war lediglich an Kupferschmiedemeister vermietet, welche als Bestandsinhaber über den Kupferhammer verfügten. Die aus Hütteldorf bei Wien stammende Familie Höfling verfügte als Bestandswirte über den Herrschaftlichen Einkehrgasthof „Schwarzer Adler“. Als die Säbelklingenfabrik (Matschakerhof, vorm. Metzbergenhof, Pachergasse 8) des Herren von Metzberg im Jahre 1772 zur Disposition stand war es Franz Höfling, der Sohn des Bestandswirten, welcher die Säbelklingenfabrik des Herren von Metzberg erwarb und gleichzeitig aber auch als Bestandsinhaber über den Herrschaftlichen Kupferhammer (Pachergasse 6) verfügte. Ihm folgte sein Sohn Vinzenz Höfling. Im Jahre 1811 erwarb Peter Freiherr von Braun nicht nur die Mühle, sondern auch den Matschakerhof und schaffte es 1812 den Herrschaftlichen Kupferhammer in sein Privateigentum übergehen zu lassen, wonach der Weg frei war für die Errichtung der großen Sollenauer Baumwollfabrik.
Als im Jahre 1812 dieser Eigentumsübergang im Grundbuch eingetragen wurde fand man über den Gebäudekomplex Pachergasse 6 (Hammerhof, Adlerhof, Spinnerei danebst) nachfolgende Beschreibung: K. k. priv. Baumwoll Maschinen Gespinst Fabrique […]: dazu gehört: „das Fabriksgebäude an dem Kaltengange neben dem sogenannten Metzbergenhof, das vormahls Herrschaft Schönauisch, nun eingelößte ehemalige Kupferhammer Gebäude, und die in der Mitte desselben stehende große Wagenremiße, dann ein Haus mit 7 Wohnungen und 3 Fruchtackln neben dem besagten Metzbergenhof.“




