Die Erweiterung Sollenaus um Kleinhäuser
erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 3/2023 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.
Von den einst mittelalterlichen Gründungseckpunkten der landesfürstlichen, babenbergischen Ansiedlung in Sollenau ist neben den einst steinernen Zeugen, sowie den bis in das 19. Jahrhundert befindlichen Resten eines Bewässerungssystems insbesondere der Hauptplatz zu nennen. Die Größe und die Anlage dieses Hauptplatzes lassen auf die ehemalige Bedeutung schließen. Der Hauptplatz zeigt Ähnlichkeiten zum Hauptplatz von Wiener Neustadt, welcher ab der Gründung 1192 angelegt worden war. Während der Hauptplatz von Wiener Neustadt von einem Gründungsmittelpunkt mit 2 Diagonalen zu jeweils 100 Klafter (Neigung 2:5) ausgestattet war, war der Hauptplatz in Sollenau von einem Gründungsmittelpunkt mit 2 Diagonalen zu jeweils 70 Klafter (Steigung 5:7) ausgestattet. Während aber der Hauptplatz von Wiener Neustadt plangemäß noch nördlich um 25 % erweitert wurde, gab es eine Erweiterung des Hauptplatzes in Sollenau Richtung Osten (um ca. 10 Klafter) erst Anfang des 19. Jahrhunderts, nämlich bei der Errichtung der beiden repräsentativen Neubauten des Hauptplatzes 1.
Herr Hofrat Dr. Reidinger fasst die mittelalterliche Absteckung des Hauptplatzes von Sollenau wie nachfolgend angeführt zusammen: „Es ist eine Regelkonstruktion mit dem Achsenkreuz durch den Gründungspunkt A (Lage und Richtung frei gewählt). Durch das Anlegen von Diagonalen mit einem Winkel von 5:7 (bezogen auf die lange Achse) und Abtragen von je 35 Klafter (Diagonale 70 Klafter, 1 Klafter = 1.77m, wie Wiener Neustadt) ergeben sich die vier Eckpunkte des Rechtecks (rechte Winkel nach Satz von Thales). Es ist eine einfache Konstruktion, die in der Natur leicht umzusetzen ist. Nach dieser Grundkonstruktion, bei der die Straßen in den Ecken einmünden gibt es eine (spätere) Erweiterung nach Osten um (ca.) 10 Klafter (17.7m).“ (Mitteilung HR Dr. Reidinger, 2022).


Rund um den Hauptplatz ist also die alte mittelalterliche Anlage von Sollenau zu suchen. Aus der Bereitung des Jahres 1590 ist bekannt, daß in der damals evangelischen Hochburg Sollenau 40 Häuser bestanden, welche der Herrschaft Schönau untertänig waren.
Rund 160 Jahre später, im Rahmen der Maria Theresianischen Fassion (1751), waren es 1 Kirche und 1 Pfarrhof, 1 Mühle, 1 Herrschaftlicher Kupferhammer, 1 Herrschaftliche Taverne und 52 Urhäuser.
Somit gab es in der zeitlichen Abfolge Änderungen der baulichen Substanz. Waren es im Mittelalter Ganz-, Halb- und Viertelbauern, sowie Hofstätten ohne Grundbesitz, war diese Substanz vermutlich aufgrund kriegerischer Ereignisse, Verödungen und darauffolgenden Neuanlagen, aber auch aufgrund von Teilungen Änderungen unterworfen. Im Jahre 1751 waren von den 52 Urhäusern in Sollenau 7 Ganzlehner, 18 Halblehner und 27 Viertellehner. Die Ansiedlung von Sollenau endete damals an der Piesting-Brücke mit den beiden Häusern an der Maut (Wr. Neustädter Str. 7 und 16), der Pachergasse 6, der Kindergartengasse 4 und 7, an Pfarrhof und Kirche, sowie gegenüber am ehemaligen Schulstandort Wiener Straße 15, sowie am damaligen Ende der Bahngasse (Bahngasse 16 und 23).
Wo sich die zwischen 1590 und 1751 neu hinzugekommenen 12 Häuser befanden erscheint leider nicht hinreichend gesichert. Gut möglich, daß ein Teil des Häuserzuwachses über bäuerliche Teilungen entstanden ist. Ein Zuwachs erscheint aber auch dahingehend möglich, daß Sollenau in einer möglichen ersten Erweiterung Richtung Norden über das ehemalige Bewässerungssystem Richtung Kirche trat und dies die Häuser nördlich des ehemaligen Gerinnes betraf, welche allesamt eine sehr dürftige Bestiftung mit Grund und Boden aufwiesen. Damit könnte es sich der 1. Erweiterung um die ursprünglich ungeteilten Häuser 1: Bahngasse 21, 2: Bahngasse 23, 3: Bahngasse 14 und 16, 4: Bahngasse 12, 5: Wiener Straße 13 und 6: Wiener Straße 15 handeln. Vom Haus Bahngasse 12 ist jedenfalls überliefert, daß hier einst das Gerinne der Piesting verlief.
Erst ab dem Jahre 1812 setzte dann durch die Industrialisierung (Baumwollspinnerei) in Sollenau ein Prozeß ein, welcher in anderen Gemeinden schon viel früher begann: Der Verkauf von Kleingrundstücken zur Erbauung von Behausungen (Kleinhäusern) auf ehemaligen Gemeindeweidegrund (Allmende), mit denen keine Innehabung von Hausgründen (Äckern, Wiesen) verbunden war und damit verbunden die erste nachweisliche räumliche Erweiterung von Sollenau.
In der benachbarten Steiermark waren diese Kleinhäuser Keuschen und die Besitzer Keuschler genannt. Im benachbarten deutschsprachigen Ungarn und in der Steiermark waren diese Besitzer auch Söllner/Söldner genannt und die Behausungen Sölden. Nun startete dieser Prozeß auch in Sollenau mit der Bezeichnung „Kleinhäusler“, wobei diese natürlich nicht wie ursprünglichen Bauern (Mitnachbarn) vollwertigen Status und kein volles Gemeindeweiderecht genossen.
1. Erweiterung (1815)
Den Anfang dieser Kleinhäuslerei machte ein Kleinhaus Wiener Neustädter Straße 10 (Sollenau Nr. 21), welches sich nicht auf Gemeindeweidegrund befand, sondern südlich und nördlich umringt, mitten auf dem Grund des Schweidl-Urhauses (Wiener Neustädter Straße 8, Sollenau Nr. 22) errichtet wurde und mit welchen kein Hausgrundbesitz verbunden war. Aus diesem Gebäude ging der nördliche Alt- bzw. Haupttrakt einer heute weit bekannten Konditorei Sollenaus hervor.

2. Erweiterung (1816-1818)
Gegenüber der Kirche und dem Pfarrhof wurden auf Gemeindeweidegrund 4 Kleinhäuser errichtet (Wiener Straße 17, 19, 21 und 23). Es waren dies die Hausnummern Sollenau Nr. 57, 58, 59 und 60 (bzw. ab 1829/30: Sollenau Nr. 58, 59, 60 und 61). Erst später erfuhren die 4 Grundstücke eine Vertiefung ihrer Grundstücke nach Westen um weiteren ehemaligen Gemeindeweidebesitz. Die beiden Grundstücke Wiener Straße 21 und 23 wurden später zur Gastwirtschaft Schenk bzw. zur Capri-Bar. Auf dem Grundstück Nr. 19 befand sich bis 1937 das Gasthaus Hirschler, woraufhin es in den Besitz der heutigen Eigentümer-Familie gelangte.

3. Erweiterung (1823-1826)
Die dritte Erweiterung betraf die heutige Kirchengasse. Dort wurde nicht nur als Ersatz für das abgerissene Gemeindehalterhaus (Kindergartengasse 4) ein neues Gemeindehalter- und Armenhaus errichtet (Kirchengasse 2, Sollenau Nr. 70), sondern auch weitere Kleinhäuser (Kirchengasse 4 und 6, Sollenau Nr. 72 und 73). Kirchengasse 6 befand sich dann ab 1844 im Besitz der Familie Schuster. Zu dieser Erweiterung gehört auch das im Jahre 1823 durch den schwäbischen Wagnermeister Armbruster errichtete Haus Leobersdorfer Str. 2 (Sollenau Nr. 71), wobei sich das nach hinten versetzte Haustor genau an jener Stelle befindet, an welcher der alte Weg nach Leobersdorf über den Sollenauer Weinberg verlief. 1828-1861 befand es sich im Besitz der Familie Radler, woraufhin es ab 1862 im Besitz der Familie Koisser stand.
4. Erweiterung (1832-1833)
Zwei weitere Häuser wurden errichtet in Verlängerung der Bahngasse, nämlich Bahngasse 25 (Sollenau Nr. 76) und das durch die Familie Oßwald errichtete ehemalige Gasthaus zur Südbahn (Rennerstraße 2/Kirchengasse 8, Sollenau Nr. 77). Letzteres befand sich ab 1839 im Besitz der Fam. Schagl. Mit Ausnahme der Jahre 1880-1884 (Fam. Schweidl) befand es sich von 1854-1929 im Besitz der Familie Koisser, dann infolge Verehelichung der Tochter Helena im Besitz der heutigen Eigentümerfamilie.

5. Erweiterung (1840-1846)
Diese Erweiterung betraf die bisher größte Ausdehnung von Sollenau Richtung Norden, nämlich die Besiedelung des „Sauspitzes“. Die ersten Häuser am „Sauspitz“ wurden noch vor der Aufhebung der Grundherrschaft 1848/50 errichtet, nämlich westlich, links an der Straße Fahrtrichtung Wien gelegen, beginnend ab dem Punkt, wo die alte Schönauer Straße nunmehr nach Errichtung der Alleegasse in Richtung Alleegasse abgeschwenkt wurde. Es handelt sich um die Häuser Wiener Straße 35-49.
Auf dem Gelände der einst gerade zur Kirche verlaufenden alten Schönauer Straße wurden erst später auf der Trasse der alten Straße Häuser errichtet (Wiener Straße 25-33).

