Sollenauer Hausgeschichten, Teil 5

Sollenau als Maut und Grenzort zur Steiermark

erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 1/2022 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.

Die Frage, wann und warum Sollenau errichtet wurde und warum gerade am heutigen Standort, war kein Ergebnis des Zufalls. Heute längst vergessene Eckpunkte waren es, Sollenau eben hier und in einer gewissen Anlage zu begründen. Lassen wir uns einen Blick auf diese Eckpunkte werfen, die im 11. und 12. Jahrhundert begründet und somit rund 900 Jahre zurück liegen:

Die Anfänge der Besiedelung des Raumes zwischen Triesting und Piesting liegen in einer Ersterwähnung des Jahres 1035 begründet, mit welcher der Markgraf von Österreich vom Deutschen Kaiser Konrad II. 50 Königshufen mit freier Platzwahl geschenkt erhalten hat. Als die Grenzen der Urpfarre St. Margaretha Traiskirchen im Jahre 1120 beschrieben wurden, kam Sollenau nicht vor, lediglich ein Ort namens „Steinintische“ und heute längst verödete Nachbardörfer an der Piesting zwischen Sollenau und Ebreichsdorf, nämlich Wolrates und Hadmarsdorf. Sollenau wurde dann im Jahre 1166 mit einem Edelmann Eberman de Salchenowe ersterwähnt.

Schon der Name Salchenowe (lat.) = Salchenau (dt.) deutet wie im Falle von anderen Dörfern, deren Namen auf den Suffix –au enden (Blumau, Dornau, Schönau) auf eine Wasserlage, in unserem Fall mit Sahlweiden und der Name Salchenau bzw. Salhenaw (lat.)=Salhenau (dt.) blieb durchgehend bis in das 18 und 19. Jahrhundert erhalten, als Landvermesser und Geometer, die der hiesigen Mundart und geschichtlich nicht mächtig waren, sprachlich verzerrte Flur- und Dorfnamen zu Papier brachten und unser Markt zu Sollenau wurde, wobei der Verlust der sprachlichen Noblesse seitens der Gemeindeverwaltung niemals beanstandet wurde.

Als im Jahre 1043 eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Ungarn siegreich verlief, wurde die österreichische (=niederösterreichische) Grenze an die Leitha verlegt und jene der Steiermark an die Lafnitz und die Piesting. Ab diesem Jahr schied die Piesting die beiden Länder Österreich (=Niederösterreich) und Steiermark bzw. kirchlich das Bistum Passau (Österreich) und das Erzbistum Salzburg (Steiermark). Dies allein war aber noch kein Grund hier im heutigen Sollenau eine Zivilisation zu errichten, sondern der Grund lag vermutlich durch ein Geschehnis begründet, welches sich im Jahre 1165/66 im heutigen Spital am Semmering zutrug. In diesem Jahre wurde eben dieses Spital errichtet und der Übergang von Venedig über den Semmering nach Wien für den Fernhandel Wien-Venedig begünstigte die Errichtung der „Venediger Straße“, der alten B 17, später Triester Straße genannt. Dieser neue Verkehrsweg verdrängte den bisher verwendeten, östlich gelegenen Gebirgsrandweg (Salzweg) und den bisher genannten Übergang über den Wechsel, welcher bis in das 19. Jahrhundert als Hartberg bezeichnet worden ist. Die neue Trasse der Venediger Straße führte über die Grenze an der Piesting und verwendete hier für den Übergang eine topographische Begünstigung, welche vermutlich schon römisch genutzt worden war. Es befand sich hier eine Furt, die nördlich und südlich der Piesting – noch heute erkennbar – jeweils mit Senken erreichbar war und in der Furt lag eine herrschaftliche Piesting-Insel (Grst. Nr. 1), welche laut herrschaftlichem Grundbuch den Namen „Brücklwies“ trug. Hier liegt also der Ursprung von Sollenau und der Maut von Sollenau begründet.

Das Landbuch von Österreich und Steiermark, eine Beschreibung des Landgerichts Gutenstein und Grenzbeschreibungen der 1192 gegründeten (steirischen) Stadt Wiener Neustadt lassen eine sehr genaue Grenzbeschreibung der Grenze zwischen Österreich und Steiermark an der Piesting zu. Die Grenze verlief von der Katzenfurt in Gutenstein der Piesting entlang, ging bis zur halben Brücke von Steinabrückl, an die Brücke der Badener Straße, wo einst das benachbarte Wildenbruck mit der abgerissenen Kirche Sankt Radegund (südöstliche Ecke des Friedhofs Matzendorf) lag, dann von der Piesting abzweigend über den alten, heute trockenen Verlauf der Piesting links und rechts der Straße Matzendorf-Felixdorf, dann die „Aigeln“ links und rechts des heutigen Piesting-Hochwassergrabens zur halben Brücke von Sollenau. Hier ging die Grenze von der halben Brücke ab und quer über das Steinfeld weiter zur Leitha. Ein Hinweis von Dr. Rudolf Maurer (+), eine Publikation von Wolfgang Haider-Berky, die von Gadinger/Gadinger verfasste Chronik von Siegersdorf und ein Anschlag der Stadt Wiener Neustadt aus dem Jahre 1469 ermöglichen es, den genauen Grenzverlauf von Sollenau bis zur Leitha zu bestimmen. Im Jahre 1469 wurde ein Pferderennen zwischen Wiener Neustadt und Sollenau abgehalten, welches offensichtlich über eine Distanz von 1 deutschen Meile ging (7,5 km). Das Rennen verlief vom gotischen Wegekreuz in Wiener Neustadt („Spinnerin am Kreuz“) exakt bis „Salhenaw da der marchstein stet“. Der Marchstein/Grenzstein stand aber nicht bei der heutigen Brücke, sondern den kleinen Feilbach entlang 100 Meter östlich. Dies wird auch durch eine Grenzbeschreibung der Stadt Wiener Neustadt aus dem Jahre 1585 bestätigt, in welcher festgehalten ist, dass sich der Grenzpunkt an der halben Brücke von Sollenau befindet. Hier stand neben dem Grenzstein der Stadt Wiener Neustadt mit der Nr. 84 auch eine beeindruckende Steinerne Kreuz-Säule, die offensichtlich im 19. bzw. 20. Jahrhundert entwendet worden ist. Hier also in gerader Fortsetzung der Bahngasse und der Wiener Neustädter Straße, Senken nördlich und südlich der Piesting verwendend, lag die alte Furt und Brücke von Sollenau. Heute befinden sich in der südlichen Senke die Kellergaragen des Wohnhauses Blumauer Straße 3/Stiege 2.

Abb. 1: Standort der alten Furt und Brücke über die Piesting in gerader Verlängerung der Bahngasse
und der Wr. Neustädter Strasse, Standort des Wr. Neustädter Grenzsteins Nr. 84 und der Steinernen Kreuz-Säule, inzwischen beide entwendet. Von hier ging die Steirisch-Österreichische Grenze von der Piesting ab und verlief zum nächsten Grenzstein Blumauer Straße 20

Die heutige Straßen- und Brückenführung wurde offensichtlich zwischen 1585 und 1649 eingenommen und ließ die Straße über die sogenannte Pöltl-Wiese 100 Meter westlich schwenken, was auch dadurch bestätigt wird, dass auch die kleine Wiese östlich der Straße einst als untrennbarer Hausgrund dem Hause Sollenau Nr. 20 (Pöltl) zugehörig war.

Damit lässt sich auch die Anlage und die Bedeutung von Sollenau erklären, nämlich als geometrische „Normale“ zur alten Piestingfurt, mit rechtwinkelig angelegtem Marktplatz, umgegeben mit Bewässerungsanlagen, die sich bis in das 18. und 19. Jahrhundert erhalten hatten und auch den Wehrgraben rund um die Wehrmauer der Kirche gefüllt haben.

Abb. 2: Skizze über die vermutliche Anlage von Sollenau als geometrische „Normale“ zur alten Piesting-Furt und Piesting-Brücke Blumauer Str. 3/Stiege 2, quer über die „Brückl-Wiese“, daneben die beiden Häuser an der Maut; das Artner-Haus (Sollenau Nr. 19) und das Pöltl-Haus (Sollenau Nr. 20)

Diese Anlage erhielt nicht nur eine Filialkirche der Urpfarre Traiskirchen, sondern auch eine Burg, ein Festes Haus (Castrum), auch Turmhof genannt. Die Burg ist nicht schwer zu finden. Es handelt sich laut dem Untersuchungsbefund Sollenau Pfarrhof / Kirche, 1994 (Weiß) um den heutigen Pfarrhof, welcher durch den verlaufenden Wasserzubringer zur Kirche nach Norden geschützt, gemeinsam mit der Kirche auf dominierendem und hochwassergeschütztem Terrain lag. Die beiden nördlichen Trakte sind romanischer Herkunft und die Mauerstärke nördlich der Haustüre beträgt 1,45 Meter. Diese „Burg“ wurde in Auseinandersetzungen östlich und südlich „gebrochen“, erhielt später einen gotischen Südtrakt und wurde Sitz des permanenten Vikars bzw. Pfarrers von Sollenau.

Die Steirisch-Österreichische Grenze ging dann exakt bei den Kellergaragen des Wohnhauses Blumauer Straße 3/Stiege 2 ab und führte in gerader Linie zu einem noch heute erhaltenen Grenzstein aus dem Jahre 1648, welcher beim Hause Blumauer Straße 20 steht und wo einst auch der Neustädter Grenzstein Nr. 85 stand. Südlich der Piesting, des Grenzsteins an der alten Brücke und des Grenzsteins Blumauer Straße 20 lag bereits die Steiermark (Stadt Wiener Neustadt), wobei auf diesem Grunde später Petrifeld errichtet werden sollte.

Abb. 3: Grenzstein der Herrschaft Schönau (S) aus dem Jahre 1648, Rückseite mit E versehen (=Herrschaft Ebenfurth), der hier stehende Grenzstein der Stadt Wr. Neustadt Nr. 85 ist entwendet. Von hier ging die Grenze Steiermark-Österreich über die beiden Steinernen Tische (Königshügel und Taigeß) zur Leitha

Vom Grenzstein Blumauer Straße 20 ging die Grenze über die Goldene Heide, einem alten verwachsenen Wege entlang bis an die Quelle der Kalten Fischa, wo das in den Ungarnkriegen 1477-1491 zerstörte Dorf Taigeß lag und weiter, die Grenze zwischen Ebenfurth (Österreich) und Unter-Eggendorf (Steiermark) entlang, zu deren Grenzpunkt an der Leitha. Hier, entlang des alten verwachsenen Weges, dürfte sich das eingangs, bereits um 1120 genannte Steinintische befinden, welches die Landgrenze zwischen Österreich und Steiermark zwischen Piesting und Leitha bezeichnet haben wird. Hier befand sich lt. Chronik Sollenaus aus dem Jahre 1908 unterhalb des Königshügels (Königsberg) nämlich nicht nur ein entwendeter Steinerner Tisch (verbracht und als Sitzbank eingemauert im Hause Hauptplatz 8), sondern auch große Quadersteine, von denen ein 4 Schuh (rd. 120 cm) großer Quader in das Hause Wr. Neustädter Straße 2 verbracht wurde. Ein weiterer Steintisch, welcher auch entwendet worden ist, befand sich an der Quelle der Kalten Fischa, „wo aufgehendes Wasser bey dem alda befindlichen steinernen Tische ist“. Die Landgrenze zwischen Piesting und Leitha verlief also Steinernen Tischen (Dolmen) entlang und wurde „Steinintische“ genannt.

Sollenau verblieb als Herrschaft bis vermutlich 1407 im landesfürstlichen Besitz. Bei der landesfürstlichen Herrschaft Sollenau wurde demzufolge auch eine Maut eingerichtet, die gleichzeitig mit der Maut von Wiener Neudorf als besonders starke Einnahmenquelle gedient hat. Die Ersterwähnung der Maut datiert vom 07.02.1270 und nimmt bereits Bezug auf Mautprivilegien Herzog Friedrichs II. (+1246). Sie dürfte also gleich bei oder zeitnah nach der Errichtung der Venediger Straße (B 17) eingesetzt worden sein. Der Mautbezirk war umfangreich und ging nach einer Aufzeichnung des Jahres 1619, wiederverlautbarend eine ältere Beschreibung aus 1431, von Baden, Gainfarn, Enzesfeld und Steinabrückl bis Wöllersdorf, von dort bis zum untergegangenen Dorf Taigeß, weiter auf die Praittenfurth (vermutlich abgekommene Bezeichnung für den Piesting-Übergang in Tattendorf) und nach Ebreichsdorf. Nördlich der Achse Baden-Ebreichsdorf lag der Mautbezirk Neudorf. Eingenommen wurde die Maut von „Einnehmern“, Mautumgehung wurde durch sogenannte Überreiter verhindert.

Abb. 4: Beschreibung des Sollenauer Mautbezirkes aus dem Jahre 1619 (Wiederverlautbarung aus dem Jahre 1431)

Die Bedeutung dieser landesfürstlichen Anlage führte in weiterer Folge auch dazu, dass Sollenau mit Ersterwähnung vom 01.09.1304 bereits als Markt erscheint, was erst im 19. und 20. Jahrhundert durch übermäßige Verleihungen des Marktrechts relativiert worden ist und es sich nach Adalbert Klaar im Falle von Sollenau um eine „steckengebliebene Kolonialstadtgründung“ handelt.

Der Zutritt nach Österreich, gleich ob über die alte Furt und Brücke oder aber über die neue Brücke, führte über die beiden Sollenauer Häuser, welche an der Maut gelegen waren, nämlich Sollenau Nr. 19 und Sollenau Nr. 20, welche aber nicht gleichzeitig Sitz der Mauteinnehmer waren, sondern gewöhnliche Halblehner-Bauernhöfe.

Abb. 5: Haus Nr. 19, Wr. Neustädter Str. 7 (Artner-Haus), heute Billa, Eigentümer: um 1687-1738: Fam. Romeder u. Tochter Maria, verwitwete Suttermaister, 1738-1780: Fam. Prucker/Brucker, 1780-1809: Fam. Lang, 1809-1859: Fam. Leitner, 1859-1881: Fam. Radler, 1881-1892: Fam. Victorin, 1892-1909: Fam. Koisser (Johann und Rosa), ab 1909: Fam. Artner
Abb. 6: Haus Nr. 20, Wr. Neustädter Str. 16 (Pöltl-Haus), heute Wohnhausanlage der EBSG in Bau, mit der um 100 Meter geschwenkten Straßenführung Richtung Westen, Eigentümer: um 1683-1733: Fam. Neubauer, 1733-1778: Fam. Lechner, 1778-1786: Fam. Strobl, 1786-1843: Urhaus der Familie Kaindl aus Wöllersdorf, ab 1843: Urhaus der Familie Pöltl aus Leobersdorf infolge Hochzeit mit Kaindl-Tochter, Kaindl-Sohn ging ab und übernahm 1842 das ehem. Oßwald-Urhaus Sollenau Nr. 14 (Hauptplatz 16)