Versunkene Dörfer rund um Sollenau
erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 1/2024 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.
Die Kolonisierung des Gebiets zwischen Triesting und Piesting im 11. Jahrhundert brachte es mit sich, daß eine Reihe von dazu planmäßig eingerichteten Dörfern errichtet wurde, welche teilweise mit bis heute identen Gemeindegrenzen erhalten sind. Während die planmäßige Siedlungsreihe an der Triesting mit Ausnahme des wüst gefallenen Dorfes Gebendorf zwischen Tattendorf und Oberwaltersdorf einigermaßen intakt ist, gilt dies nicht für die Siedlungsreihe an der Piesting.
Für die Siedlungsreihe an der Piesting gilt, daß die üblichen Besiedlungsgrundsätze (Entfernung zwischen Dörfern) hier jedenfalls auf eine Siedlungslücke zwischen Steinabrückl und Sollenau einerseits schließen lassen und andererseits eine riesige Siedlungslücke zwischen Sollenau und Ebreichsdorf besteht, wonach auch zu schließen ist, daß Steinabrückl, Sollenau und Ebreichsdorf die einzig verbliebenen Dörfer dieser Siedlungsreihe darstellen. Das Leben an der vermutlich verglichen mit der Triesting doch mächtigeren Piesting, verbunden mit ihren regelmässigen Überschwemmungen und den zahlreichen Überschwemmungswiesen dürfte allzu große Herausforderungen für einen dauerhaften Lebensraum von Siedlungen dargestellt haben.
Jedenfalls ist daraus festzuhalten, daß rund um Sollenau zahlreiche benachbarte mittelalterliche Dörfer nicht mehr existieren und zudem Siedlungslücken bestehen, wobei bei letzteren unklar ist, ob diese überhaupt eine Besiedlung erfuhren.
HADMARSDORF (Ersterwähnung 1120)
Hadmarsdorf lag rd. 3 Km OSO von Tattendorf und ließ sich nicht nur durch Begehungsfunde lokalisieren, sondern befand sich sogar noch auf Kartenmaterial des Stifts Klosterneuburg als öder Dorfplatz verzeichnet. Dieses Dorf lag laut besagtem Kartenmaterial an der alten Straße Sollenau-Ebreichsdorf und wurde erstmals 1120 in der Grenzbeschreibung der Pfarre Traiskirchen genannt. Es bestand aus 19 Lehen. Zusätzlich bestanden 4 Hofstätten. Lt. 2. Urbar der Herrschaft Stift Klosterneuburg (1303-1309) existierte in diesem Dorf auch die älteste erwähnte Mühle an der Piesting. Grundherr und Herrschaftsinhaber war das Stift Klosterneuburg. Heute gehört der ehemalige Gemeindehotter überwiegend zur Gemeinde Tattendorf.

WOLRATES (Ersterwähnung 1120)
Laut Grenzbeschreibung der Pfarre Traiskirchen befand sich flußaufwärts von Hadmarsdorf das bisher nicht lokalisierte Dorf Wolrates. Der genitivische Ortsname, welcher auf einen Besitz bzw. eine Gründung des Wolrat/Vollrat hindeutet, ist in der Grenzbeschreibung insofern beschrieben, als die Gemeindegründe bis an die Fischa reichten. Es ist die einzige (isolierte) Erwähnung dieses Dorfes. Vermutlich lag dieses flußaufwärts gelegene Nachbardorf von Hadmarsdorf ebenso an der alten Straße Sollenau-Ebreichsdorf, welche einst den Hauptverbindungsweg dargestellt haben wird. Damit wäre es dort zu lokalisieren, wo eine Furt über die Piesting ging, genannt die Hohenfurt (heutige Brücke Neurißhof), wo einst 3
auch ein Jägerhaus der Herrschaft Schönau stand und wo die Grenzstraße von Günselsdorf und Teesdorf („Schüttweg“) in die heutige Hauptstraße von Neurißhof mündet. Über Neurißhof findet sich nämlich erst im 18. Jahrhundert erste Meldung, als es nämlich durch die Herrschaft Schönau rund um den Meierhof bei den Neurissen (Neurißhof) wieder urbar gemacht wurde. Ein Auffinden dieses Dorfes wird aufgrund der Überbauung bzw. gestörten Bodens nicht wahrscheinlich sein.

WILDENBRUCK (Ersterwähnung um 1166)
Graf Siboto IV. von Hernstein, aus dem Geschlecht der bayerischen Grafen von Falkenstein, ließ vor seiner Teilnahme an einem Feldzug eine Übersicht seines Vermögens für seine Nachkommen anfertigen und überlieferte uns damit das einzig erhaltene Traditionsbuch einer weltlichen Herrschaft dieser frühen Zeit; den Falkensteiner Codex aus dem Jahre 1166. Dieser Codex überliefert uns ua, dass der Graf von Hernstein über umfangreichen Weingartenbesitz zwischen Waldegg über Mühlthal und Hetzenthal bis Wildenbruck verfügte; nämlich zwischen Waldegg und Mühltal über 13 Weingärten, im Hetzenthal 5 Weingärten, sowie zwischen Hetzenthal und Wildenbruck über 48 Weingärten.
Das Landbuch von Österreich und Steier bezeichnet die österreichisch-steirische Grenze im Jahre 1158 mit der Piesting bis Wildenbruck.
Im Stiftsarchiv des Benediktinerstifts Melk hat sich eine Urkunde vom 23.06.1444 erhalten. Diese Urkunde, gegeben zu Leobersdorf, bekundete, dass Ulrich Huettenberger (= aus Hirtenberg) und seine Ehefrau Agnes ihr Erbe, nämlich 1 Wiese gelegen „ze Wildenprugk“ an die Kirche Sankt Katharina zu Lindabrunn, vertreten durch Kaplan Andre verkaufen. Die Lage der Wiese zu Wildenprugk wird angegeben mit „unser wisen gelegen ze Wildenprugk ainhalb gelegen ze nagst Andreen pey der prugk von Salhennaw wisen und der ander tail stasst uncz auff die Piesting.“ Außerdem wurde in dieser Urkunde angegeben, dass sie zur Herrschaft Enzesfeld zugehörig ist und dem Reinprecht von Wallsee (Inhaber der Herrschaft Enzesfeld) mit jährlich 28 Pfennig dienstbar ist. Mit dieser Urkunde ist belegt, dass im Herrschaftsbereich bzw. Besitzbereich der Herrschaft Enzesfeld zwischen Steinabrückl und Sollenau an der Piesting ein Ort bzw. eine Flur Wildenprugk angelegt war.
Die Wiese bzw. die Flur Wildenbruck kann leicht eingegrenzt werden. Im Grundbuch der Herrschaft Enzesfeld 1701 ist die Flur im Grundbuch mit „Wiesen diesseits und jenseits von Wildenbruck“ noch ersichtlich, ebenso in der Maria Theresianischen Fassion um 1750. Bei der Neuanlage des Grundbuchs 1760 dürfte die alte Bezeichnung abhandengekommen sein, da nur mehr von Wiesen diesseits und jenseits der Piesting zu erfahren ist.
Zudem existiert ein Burgfriedensplan zwischen Starhemberg und Neustadt – ungefähr aus 1590 – auf dem die „Wiltpruckh“ neben der Kirche Sankt Radegund unterhalb von Steinabrückl an der Stelle des Übergangs der Straße von Leobersdorf und Matzendorf über die Piesting verzeichnet ist.
Ein Auffinden eines allfälligen Dorfes wird aufgrund der Überbauung bzw. gestörten Bodens nicht wahrscheinlich sein. Die Präsenz der nach 1785 abgebrochenen Kapelle/Kirche St. Radegund lässt schlussfolgern, daß eine einstige Besiedlung doch möglich erscheint. Heute gehört der Gemeindegrund zur Gemeinde Matzendorf. Die Heidemühle hingegen gehört zu der aus Matzendorf ausgegliederten Gemeinde Steinabrückl.

TAIGNITZ (Ersterwähnung 1321)
Von der Sollenauer Piesting-Brücke ging gemäß der alten Grenzbeschreibung von Wiener Neustadt ein alter verwachsener Weg bis zur Quelle der Kalten Fischa. Dort befand sich laut Grundbuchauszügen die Flur „In Weingartswiesen“ nahe der Quelle. Dort lag bis rd. 1477- 1491 das mittelalterliche Dorf Taigeß (Taignitz), von welcher die Kalte Fischa auch ihren Beinamen Taignitz-Fischa erhielt. Taigeß (Taignitz) ist erstmals in einer Urkunde am 24.06.1321 erwähnt.
Das Dorf war nicht Opfer der spätmittelalterlichen Agrarkrise, sondern fiel lt. Urbar der Herrschaft Ebenfurth erst durch die „Ungarn-Kriege“ (1477-1491) wüst und wurde im Gegensatz zu den Nachbardörfern Haschendorf und Siegersdorf nicht wieder besiedelt. Beginnend mit einer Nennung ab 1500 wird es „ain öds dorff“ genannt, welches einst 17 Häusern beinhaltete.
Noch 1466 sind im Enzesfelder Urbar Hauer aus Taigeß genannt, die Weingärten der Grundherrschaft Enzesfeld am Sollenauer Berg innehatten. Heute gehört das Dorf und seine ehemaligen Gründe zur Gemeinde Haschendorf.

BLUMAU (Ersterwähnung 1366)
Blumau findet vergleichsweise spät Ersterwähnung, nämlich erst im Jahre 1380 als „Wismat zu Plumenaw“, dann am 29.11.1382 als „Pluemau nyderhalb Salichnau“. Unseres Erachtens ist eine am 10.10.1366 ausgestellte Urkunde bezüglich einer „wisen gelegen ze Plumenaw“ in Verbindung mit der Urkunde aus dem Jahre 1382 zu setzen und stellt die Ersterwähnung von Blumau dar. Als eine nächste Nennung sei das Urbar der Herrschaft Enzesfeld 1466 genannt.
In dieser ist eine Nennung von Blumau insofern vorhanden, als „der Zechmaister zu Lewbeßdorff in der Pluemau“ erwähnt erscheint. Die nächsten Erwähnungen finden sich in den Bereitungsbüchern und Urbar der Herrschaft Enzesfeld 1569, 1570 und 1571. In diesen findet sich die Erwähnung, daß die Herrschaft Enzesfeld einen riesigen Grundbesitz von insgesamt 38 Wiesen in der „Pluembau“ besitzt, wovon 36 Wiesen (186,5 Tagwerke) auf Wohlgefallen jährlich in den Bestand von Bürgern der Herrschaft Enzesfeld gegeben wurde. Eine weitere Wiese (8 Tagwerk) wurde dem „Wisnwässerer“ für seine „Mühe und Arbeit“ zur Verfügung gestellt, was schon im Jahre 1569/1570/1571 eine planmässige Bewässerung der Blumau durch die Herrschaft Enzesfeld beweist. Erst im Jahre 1723 findet sich die Ersterwähnung des Soldaten/Dragoners Heinrich Neumayr, mit seiner Ehefrau Anna und seinen Kindern, was zwangsläufig auf eine Behausung in der Blumau schliessen lässt, welche mit dem Blumauer Hof (heutiger Standort Kindergarten Blumau) ident sein wird. Bei Blumau mit seiner Furt (Blumauer Furt) erscheint nicht sicher, ob diese Siedlungslücke überhaupt besiedelt war, zumal es in der Grenzbeschreibung der Pfarre Traiskirchen nicht erwähnt erscheint. Bemerkenswert erscheint jedenfalls, daß im Falle von Blumau eine schmale Grenz- Exzentrik der Gemeinde Schönau bis heute besteht und sich diese zwischen Sollenau und dem restlichen Teil der Blumau „dazwischenschob“. Diese Grenz-Exzentrik wurde laut Grenzbeschreibung „Der lange Trieb“ genannt.

PÖLLA (Ersterwähnung 1378)
In einem Stiftsbrief über die Stiftung einer Frühmesse zur Kirche St. Martin zu Leobersdorf erscheint im Jahre 1378 das Dorf bzw. die Flur Pölla („fünfzig Pfennig von der Pölan“). Aus dem Banntaiding der Marktgemeinde Sollenau aus dem Jahre 1412 ist hinsichtlich der Weinhüteraufsicht auf dem westlichen Anteil des Sollenauer Berges zu erfahren, daß die Weinhüter auf Seiten der Pölan von Leobersdorfer Seite gestellt werden: „Item, der richter und perkmaister zu Salhenaw sullen alle jar zu gewöndlicher zeit die hueter uberall am Salhenawer perg setzen, ausgenomen die Pölan darzu der richter und die gemain zu Lewbersdorff ain hueter zu setzen haben.“
Es dürfte daraus zu schließen sein, daß schon 1412 das Dorf öde war und den Leobersdorfern zugeschlagen worden ist. Final kommt es nochmals in der Bereitung und dem Urbar der Herrschaft Enzesfeld aus den Jahren 1569/1570/1571 vor. Hier ist zu erfahren, dass „Pölla ain ödt Dorf von lanngen Jarn her“ ist und die Dorfgründe als Weide der Gemeinde Leobersdorf überlassen worden sind. Einige Krautgärten in der Wasserleuten sind einem Leobersdorfer Bürger überlassen worden.
Die oftmals angestellte Vermutung, dass sich der Standort des einstigen Dorfes Pölla mit dem Heilsamen Brunnen deckt, kann ausgeschlossen werden. Die sinnvolle Anlage eines Dorfes schließt die Anlage in dauerhaft nassem Milieu aus. Selbst wenn der Heilsame Brunnen erst später wieder austrat und dieser möglicherweise Ident ist mit dem 1466 im Urbar Enzesfeld genannten Heyligen Prunn, ist die Lage des Heilsamen Brunnens (Fernere Kraugärten) doch insofern zu charakterisieren, als daß hier ein Gerinne von den Pölla-Krautgärten abwärts stets Wasser zu diesem Feuchtgebiet transportierte.
Die Lage von Pölla ist somit auf ehemaligem Weidegrund zu suchen, nämlich dort wo die alte Straße von Hölles gegenüber dem kleinen Waldstück östlich der Autobahnstation an einem ehemaligen West-Ost-Gerinne in die Badener Straße einmündete und könnte sich bis zum bis heute erhaltenen Pölla-Kreuz gezogen haben und wo benachbart gegenüber auch die sogenannten Pölla-Krautgärten lagen. In diesem Falle würde das heutige „Stadtfeld“ vermutlich Gemeindegrund von Pölla dargestellt haben.


