Die Sollenauer Flurnamen

2024 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.

Die Sollenauer Häuser unterstanden einst dem niederösterreichischen Landesfürsten als Grundherren und wurden vermutlich 1407, mit Ausnahme der somit zweitgrössten Grundherrschaft in Sollenau, Kirche und Pfarre Sollenau mit der dazugehörenden Mühle, an die Herrschaft Schönau übertragen. Um 1829/30 bestand Sollenau aus 56 Bauernhäuser (Ganzlehen, Halbleben, Viertellehen) der Herrschaft Schönau. Mit dem Besitz dieser Lehen gegen Grunddienst an den Grundherren war nicht nur der Besitz der Behausungen, sondern auch der Besitz von untrennbaren (!) Hausgründen (Äcker, Wiesen) verbunden. Der volkswirtschaftliche Vorteil dieses Systems lag darin begründet, dass kein landwirtschaftlicher Boden der Nutzung entzogen werden konnte. Dieses System wurde mit der Aufhebung der Grundherrschaft 1848/50 beendet. Die Hausgründe lagen zur Risikostreuung von Wettereinflüssen risikoarm gleichmässig über das ganze Dorfgebiet verteilt und waren ursprünglich noch mehr mit Rainen versehen, die insbesondere gegen Wind und Bodenerosion wirken sollten und dem herrschaftlichen Wild einen Lebensraum gaben. Zudem gab es auch frei erwerb- und veräusserbare Grundstücke (Überlandgründe), wobei aber ebenso Grunddienst an die Grundherrschaft zu entrichten war. Die Herrschaften selbst waren naturgemäß auch mit Eigengründen (Dominikalgründe) begütert.

Damit war es auch notwendig, die Lagen der Grundstücke mit Namen zu versehen. Einerseits, um die Innehabung dieser Grundstücke in den Urbaren/Grundbüchern richtig darzustellen, andererseits um im Alltagsleben die örtliche Lage dieser Grundstücke, von Treffpunkten und Geschehnissen hinreichend zu spezifizieren. Diese Bezeichnungen (Flurnamen) sind durchwegs uralt und einige dieser Bezeichnungen sind bereits aus dem Mittelalter überliefert (bspw. Schauerfeld, Schauerwiesen, Runzen), worauf zu schließen sein wird, dass diese Flurnamen ein intellektuelles Erbe aus der Gründung darstellen.

Bei der Landvermessung in den Jahren 1819/20 (Franziszeischer Kataster) kam es zur teilweisen Durchbrechung des althergebrachten Flurnamensystems, welche bis heute fortwirkt. In den Instruktionen zu dieser Vermessung war nicht vorgesehen, zwecks richtiger Benennung der Grundstücke Kontakt mit den Grundbuchherrschaften herzustellen und die Grundstücke im Grundstückverzeichnis eindeutig mit den Grundbucheinträgen zu referenzieren. Auskunftgeber waren hingegen die Gemeinden und die Eigentümer selbst, wonach es zu Fehldarstellungen hinsichtlich der Flurnamen und teilweise auch deren Lage kam, bspw. Leobersdorf: Hirsch-Aecker-korrekt Neufeld, Nahende-korrekt Nahende Krautgärten, Fernere Krautgärten (Heilsamer Brunnen) fehlen, andere Riedbezeichnungen in Leobersdorf (Am Lausbrunn, In der Höll, Am Goldbühel) fehlen ebenso. In Hölles fehlen die Fluren Rosenbühel und In Boden. In Matzendorf trägt der Obere Forst die Bezeichnung Saetzen, die Wildenbruck und Helbling fehlen gänzlich, das Mitterfeld heißt fälschlich Langaecker. Dazu kam noch, dass die mundartliche Bezeichnung von Rieden oftmals zu sprachlichen Verzerrungen führte, welche dann niedergeschrieben wurden (Sollenau: Neu- Wiesmud-korrekt Neu-Wiesmahd, Keineräcker-korrekt Auf den Kienen, Wöllersdorf: Habery-korrekt Haidberg, Bona-korrekt In den Pernern). Um die Fehldarstellungen rechtsverbindlich zu berichtigen, hilft nur der Einblick in die grundherrschaftlichen Grundbücher (inkl. MThF).

Zudem bestehen später eingeführte Bezeichnungen, die nicht althergebracht sind. Beispielsweise wurde aus Marketing-Gründen die Aufschliessung von Siedlungsgründen mit phantasievollen Bezeichnungen versehen (Rosenried, Sonnenhain, Waldpark) oder es entstanden aus kurzlebigen industriellen Einflüssen (Benzol, Böhler bzw. Bergwerk in Schönau) Bezeichnungen.

Einige der Sollenauer Fluren existieren heute nicht mehr. Der Grund liegt insbesondere in der Siedlungserrichtung am Rosenried in den 1950-/1960-er Jahren begründet. Die Errichtung dieser Siedlung erfolgte nämlich nicht wie üblich auf landwirtschaftlich wenig tauglichen Flächen (Gemeindeweiden), wie bspw. Am Sonnenhain, sondern am Reißbrett mit Grundstücken bester und mittlerer Güte, wonach nicht nur die alten Fluren In Erben, Auf den Kienen, Bei der Wihr, sowie Beim Bachl (Haidacker) verloren gingen, sondern auch der alte Weg nach Matzendorf, womit heute der Umweg über Leobersdorf und Felixdorf genommen werden muß. Ebenso ging die alte Straße nach Steinabrückl verloren (Einröslerstraße), welche hinter der Raxstraße über die Matzendorfer Brunnengasse direkt über Sankt Radegund (Friedhof Matzendorf) nach Steinabrückl führte.

Hier die Sollenauer Flurnamen:

In Erben (In der Irb, Örb)

Einst 15 Acker, Wiesen, Weiden. Hier ging auch die Sollenauer Dorfbewässerung von der Piesting (Zyklamenweg 19) ab und ging über die Äcker an den Dorfrand. Viele der Grundstücke gehörten einst der Herrschaft, was auf einen möglichen herrschaftlichen Hof/Maierhof am Hauptplatz 9 hindeutet. Möglicherweise ist auch der Flurname so zu deuten, nämlich als althergekommener Erb- oder Lehensbesitz. Ist fast gänzlich in der Siedlungserrichtung Rosenried verloren gegangen. Umfang: Tulpenweg, Tannenring, Gladiolenweg ab Nr. 3 bzw. 8, Brunnenfeldstr. bis Nr. 26 bzw. 33, Bachg., Matzendorfer Str. bis Nr. 34 bzw. 37, Weideng. bis Nr. 40 bzw. 41, Zyklamenweg ab Nr. 15, Rechte Bahnzeile von Piesting bis Friedhof.

Auf den Kienen (Keineräcker)

Einst 14 Acker und Wiesen. Die Flur ist nach der mhdt. Bezeichnung für Bäume (Kiefern) benannt. Ist in der Siedlungserrichtung Rosenried verloren gegangen. Umfang: Gladiolenweg 2, 4 und 6, Nelkeng., Geranienweg, Hohe Wand G. bis Nr. 7 bzw. 8, Brunnenfeldstr. ab Nr. 28 bzw. 35 bis Nr. 52 bzw. 63, Matzendorfer Str. ab Nr. 36 bzw. 39 bis Nr. 64 und 65, Föhreng., Weideng. ab Nr. 42 bzw. 43, Edelweißweg, Enzianweg, Zyklamenweg bis Nr. 10 bzw. 13, (Östliche) Lärcheng. bis Nr. 13 bzw. 16.

Bei der Wehr (Wihr, Wöhr)

Einst 15 Acker, Wiesen und Weiden. Die Flur ist nach der Wehr benannt, welche im Grundeigentum der Herrschaft Enzesfeld stand. Diese Wehr war der Herrschaft Schönau überlassen, zwecks Ableitung von Piesting-Wasser in das Bacherl. Ist in der Siedlungserrichtung Rosenried verloren gegangen. Umfang: Rusteng., Raxstr., Bucheng., Ahorng., Eicheng., Pappelg., (Westliche) Lärcheng. ab Nr. 26 bzw. 29, Siedlungsstr. 1-4, Matzendorfer Str. ab Nr. 66 bzw. 67

Beim Bachl (Haidacker)

Einst 9 Acker und Weiden. Ist in der Siedlungserrichtung Rosenried verloren gegangen. Umfang: Schneebergstr. ab Nr. 2 bzw. 15, Dammg. 2 und 4, sowie 1 bis 9, Lindeng., Neubaug., Birkeng., Körnerg. ab Nr. 2, Puchberger Bahng., Haidäckerg., Blumeng., Keineräckerstr., Roseng., Hohe Wand G. ab Nr. 9 und 10, nördliche Zeile der Brunnenstr. ab Nr. 54.

Beim Matzendorfer Weg

Acker im Winkel südlich des Matzendorfer Weges und dem alten Weg nach Steinabrückl (Einröslerstraße).

Beim Roten Kreuz nebst dem Bachl, sowie die „Kurzen und die Langen Poy-Acker“

2 Stück Ackerreihen; eine kleine Reihe nördlich des Matzendorfer Weges beim Standort des Wegekreuzes (Rotes Kreuz), sowie eine weitere größere Reihe nördlich davon, auch die „Kurzen und die Langen Poy-Acker“ genannt.

Die Poy

Die Poy hat ihren Namen vom mhdt. Peuge/Poig und bezeichnet eine Biegung eines Weges. Diese Flur mit ihren Äckern fängt an beim Hölleser Weg und geht bis zum Enzesfelder Weg. Die Verlängerung dieser Flur auf Matzendorfer Seite heißt Runzen.

Runzen (Runsen)

Die Flur hat ihren Namen vom daneben fließenden Rinnsal. Die Wiesen beginnen am Hölleser Weg westlich der Poy und enden am Enzesfelder Weg. Schon im mittelalterlichen Urbar des Stifts Klein-Mariazell überliefert. Auch die Verlängerung dieser Flur auf Matzendorfer Seite heißt Runzen.

Schauerfeld

Das Schauerfeld beginnt am Enzesfelder Weg und endet vor den Krautackerwiesen (Krautgärten) und dem Weingartensteig. Das 1. Gewann (westlich) besteht aus Wiesen. 2., 3. und 4. Gewann bezeichnen die langgezogenen Grundstücke mit gleichem Eigentümer und sind vermutlich ein Erbe der Dreifelderwirtschaft. Man sieht auf der Straße nach Leobersdorf Richtung Süden sehend noch deutlich die erhöhten ehemaligen Grenzen zwischen den 3 Teilen der langgezogenen Gewanne. Westlich und nördlich bestand das Schauerfeld ursprünglich aus zahlreichen mit Rainen und Wasserläufen versehenen Wiesen (Schauerwiesen).

Sollenauer Berg (Ersterwähnung 1220) bzw. Mitterberg (Ersterwähnung 1311)

Die Flurnamen auf dem Sollenauer Anteil des Sollenauer Berges tragen die Bezeichnungen Oberer Rabenwald (als Wald 1867 „aufgegeben“), daneben Oberer Brenner, dann durch einen Weg geteilt östlich der Untere Brenner. Nördlich des Rabenwalds und des Brenners befand sich eine riesige Weingartenflur: Die gegenüber dem Rabenwald und dem Brenner liegenden Grundstücke waren Obern Heugassl, die Grundstücke am Satzweg waren Mittern Heugassl und die Grundstücke entlang des nördlichen Weges Richtung Leobersdorf waren Untern Heugassl und In der Höll. Auf dem Gebiet der heutigen Lehmgrube nebst den Awarengräbern lagen die 3 Weingärten In Köppeln, sowie die zahlreichen Weingärten „Im Roten Kreuz“. Eine heute für die gegenüber dem Unteren Rabenwald liegenden Weingärten gebräuchliche Bezeichnung „Käferboden“ ist grundbücherlich nicht belegt. Einst waren die Weingärten vollständig von Steinriegeln (westlich und nördlich) und von Weingartenplanken (östlich und südlich) vor Viehtrieb geschützt. Beim Satzweg war gegenüber des Unteren Rabenwalds das nördliche „Satzgatter“ zum Eingang vorgesehen, beim Unteren Brenner war aus dem Osten das „Brennergatter“ für den Eingang vorgesehen.

Krautackerwiesen (Krautgärten)

Die Krautackerwiesen (Krautgärten) beginnen rechts vom Rinnsal gegenüber dem Oberen Brenner und enden gegenüber dem Unteren Brenner. Man sieht noch heute am Brennerweg stehend Blickrichtung Osten mit freiem Auge die einstige Anlage von den einst für die Sollenauer Bauernhäuser vitalen Krautgärten (Beeten). Auf diesen wurde als Nahrungsmittelzusatz das notwendige Kraut geerntet, welches dann beim „Krautsieden“ in ein jährliches Volksfest mündete. Die heutige moderne Bezeichnung „Feuchtwiesen“ ist nicht althergebracht. Die so wichtigen Krautgärten waren also nicht Teil der untrennbaren Hausgründe, sondern gehörten der Grundherrschaft Kirche bzw. Pfarre Sollenau, womit jährlich Grunddienst entrichtet werden musste.

Weingartsteig bzw. Weingartensteig (heute Brennerweg)

Die ursprüngliche Bezeichnung des Brennerwegs lautete ursprünglich Weingartsteig. Die ursprünglich längs des Weges liegenden Grundstücken befanden sich also am Weingartsteig oder Weingartensteig. Dieser fängt an beim Schauerfeld und endet bei den Grundstücken der Langen Lacken.

In Schalkswegen

Diese Flur hat seine Bezeichnung von der Verlängerung des Steinabrückler Weges (Einröslerstraße) in Richtung Hauptstraße. Die Acker in der heutigen Waldparksiedlung entlang des Weges hinter dem Neuen Fußplatz, sowie die weiter über die Südbahn am Weg liegenden Acker in der Langen Acken trugen die Bezeichnung „In Schalkswegen“, was auf die Umgehungsversuche zur Bezahlung der Sollenauer Maut hinweisen soll.

Lange Lacke

Diese Flur beginnt nebst den Grundstücken am Weingartsteig (Brennerweg), sowie den Krautacker-Wiesen (Krautgärten) und endet an der Hauptstraße.

Hauersteig

Der Hauersteig erhielt seinen Namen von den althergebrachten Weingartenarbeitern (Hauern), welche die harte Arbeit in den früheren Niederkulturen (Stockkulturen) der Weingärten leisten mussten. Der Hauersteig fängt nördlich eines kleinen Wegs zur Piesting an und der sich gegenüber dem alten Sollenauer Bergwerk befand (zwischen Grundstücken 189 und 193). Der Hauersteig beginnt ansonsten bei der Hauptstraße gegenüber der Langen Lacke und endet an der Piesting. Dort befanden sich auch alte Gemeindeacker (Grst. 151, 152, 153), welche ursprünglich „Gmaintagwerke“ hießen, was auf die Trockenlegung des ehemaligen Teichs „Goldlacke“ hinweist.

Kirchenfeld

Das Kirchenfeld beginnt hinter dem Sollenauer Pfarrgarten und den beiden Sollenauer Herrenhäusern (Hauptplatz 1) und endet nördlich der einstigen, herrschaftlichen 20er-Wiese (20 Tagwerke groß) an dem kleinen Weg neben dem alten Bergwerk, an welchem der Hauersteig beginnt.

Neu-Wiesmahd (Neuwiesmud)

Neu-Wiesmahd beginnt beim Standort der alten Furt/Brücke über die Piesting in der Senke beim Eduard-Weikhart-Hof (Blumauer Str. 3, Stiege 2) und geht die Piesting am rechten Ufer entlang bis zum sogenannten „Langen Trieb“, wo Schönau mit einer Exzentrik vor Blumau über die Piesting reicht.

Abbildung 1: Die Flurnamen westlich von Sollenau
Abbildung 2: Die Fluren östlich von Sollenau (rote Markierung: Abgrenzung zw. Kirchenfeld und Hauersteig)