Das Gemeindeamt Sollenau, vormals die Herrenhäuser der Freiherren von Braun und des Joseph Keppelhofer

erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 4/2021 Mag. Jürgen Scheibenreif

Eine weitgehend unbekannte Geschichte ist die Entstehung des Gemeindeamts Sollenau, welches heute keinerlei Hinweise auf die geschichtsträchtige Entstehung dieses Gebäudes gibt. Drehen wir das Rad der Zeit zurück und werfen einen weiteren Blick auf das alte Sollenau:

Während früher keine baulichen Räumlichkeiten für die Gemeinde zur Verfügung standen und Amtshandlungen und Amtsführung in den privaten Räumlichkeiten des Marktrichters und seiner Geschworenen (Vierer) abgehalten wurden, entstand erstmals vor 1820 eine kleine Behausung (Bp. 8), welche am Rande des heutigen Grundstücks Kirchengasse 2 stand. Dieses Gemeindehaus trug lt. Grundbuch BG Wr. Neustadt EZ 66 die Bezeichnung „Nachtwächterhaus“. Es trug die postalische Anschrift Sollenau Nr. 68 bzw. ab 1829/1830 Sollenau Nr. 69.

Ansonsten unterhielt die Gemeinde lediglich ein Halterhaus, welches ursprünglich gegenüber dem Haus Kindergartengasse 11 stand, wonach es um 1820-1830 ebenfalls neben das Gemeindehaus in die Kirchengasse 2 verlegt und lt. Grundbuch BG Wr. Neustadt EZ 67 als „Armen- und Halterhaus“ bezeichnet wurde. Es trug die postalische Anschrift Sollenau Nr. 70. Zwischen dem Gemeinde-Nachtwächterhaus und dem Armen- und Halterhaus war exakt jener Punkt, an welchem der Enzesfelder Weg, sowie der Hölleser und Matzendorfer Weg vor der Kirche in Sollenau einmündeten. Am Standort war einst auch das älteste Postamt Sollenaus eingerichtet.

Abb. 1: Der Standort des ehemaligen Gemeinde bzw. Nachtwächterhauses, sowie des Armen- und Halterhauses und des Postamtes in der Kirchengasse 2

Das Halterhaus wechselte später durch Erwerb des Bauernhauses Sollenau Nr. 39 durch das „Landwirtschaftliche Casino“ (1893) bzw. die „Weide- und Stierhaltungs-Genossenschaft“ (1919) in die Bahngasse 21.

Mit Beendigung der Grundherrschaft 1848/50 wurden die Rollen der Gemeinden verstärkt und diese, neben den neuen Bezirksverwaltungsbehörden, zur Verwaltung eingesetzt. Damit wurde es auch zunehmend notwendig, den anwachsenden Geschäftsbetrieb baulich zu beherbergen. Mit zwei Kaufverträgen vom 18. November 1904 erwarb dazu die Marktgemeinde Sollenau das alte Gemeindeamt am Hauptplatz Nr. 9. Es war aus unbekannten Gründen ein geschichtsträchtiges Haus und im alten (verschollenen) Grundbuch der Herrschaft Schönau wurde es als 1. Haus der Herrschaft Schönau (folio 1) geführt. Es war das ursprüngliche Ganzlehenhaus Sollenau Nr. 28, welches mit Tauschvertrag vom 25.08.1820 von der Familie Höfling im Tausch gegen das Halblehen- und Fleischhackerhaus Sollenau Nr. 15 (Hauptplatz 15) an die ehemalige Fleischhackerfamilie Mondl, die letzten Eigentümer vor dem Verkauf an die Marktgemeinde, ging. Mit Umzug der Gemeinde auf den Hauptplatz Nr. 9 wechselte auch das Postamt.

Abb. 2: Das alte Ganzlehenhaus Sollenau Nr. 28 (Hauptplatz 9), ab 1904: Standort des 1. Gemeindeamts (noch eingeschossig)

Das ehemalige Gemeindehaus („Nachtwächterhaus“), sowie das „Armen- und Halterhaus“ wurden 1905 auf ein Grundstück (Kirchengasse 2) verschmolzen und mit Kaufvertrag vom 23. März 1905 an die Familie Köller veräußert, welche es bis 1949 besaß.

Einige Jahrzehnte verblieb die Gemeinde am Standort des alten Gemeindeamts, ehe sie mit Kaufvertrag vom 19.08.1940 vom bisherigen Eigentümer, dem Roten Kreuz bzw. ab 1938: Deutsches Rotes Kreuz den heutigen Standort gegenüber auf dem Hauptplatz (Hauptplatz 1) erwarb und diesen auch nach Einleitung eines Rückstellungsverfahrens behielt, wonach jener zum neuen Gemeindeamt wurde. Das alte Gemeindeamt verblieb dennoch bis heute im Besitz der Gemeinde.

Was aber befand sich ursprünglich auf dem Areal des neuen Gemeindeamtes? Drehen wir das Rad der Zeit zurück in die Zeit von Maria Theresia (um 1750/51), so standen am Areal des heutigen Hauptplatzes 1 vier Bauernhöfe, genauer gesagt 4 Viertellehen:

Abb. 3: Die 4 alten Viertellehen-Höfe am Areal des heutigen Hauptplatzes 1

Es war die Zeit der industriellen Revolution. In Sollenau ritterten 2 Spieler dieser Zeit um Grundstücke:

Die 3 linken Viertellehen wurden 1801, 1806 und 1812 von Joseph Keppelhofer erworben. Dieser wurde am 07.03.1769 in Matzendorf Nr. 3 (Hölles Str. 12) als Bauernsohn geboren. 1772 wechselte die Familie nach Sollenau und übernahm hier das Viertellehen Sollenau Nr. 55 (ab 1829/30 Sollenau Nr. 56), Wiener Straße 13. Am 30.05.1803 heiratete er als bürgerlicher Tuchmacher aus Wien großbürgerlich in Wien-Maria Rotunda seine Ehefrau Rosina. Bei der Gründung von Felixdorf im Jahre 1821 ersteigerte er 6 der 21 Grundstücke. 1821-1846 war er, als Groß-Industrieller bäuerlicher Abstammung, zum Herrschaftsinhaber der Herrschaft Theresienfeld, mit Sitz auf Schloss Theresienfeld (Grazer Straße 24) aufgestiegen, wo er auch am 19.07.1852 verstorben ist.

Das rechte Viertellehen war einst Sitz der Bestandsinhaber des gegenüber, an der Piesting liegenden Kupferhammers. 1811 erwarb Peter Freiherr von Braun den Kupferhammer, das Viertellehen zunächst dem Kupferhammer, sowie den Metzbergenhof (Matschakerhof) und errichtete 1812 zwischen Kupferhammer und Metzbergenhof (Matschakerhof) die Spinnerei Sollenau. Mit Kaufvertrag vom 22.12.1812 erwarb er zudem die beiden mittleren Viertellehen aus dem Besitz des Joseph Keppelhofer.

Am verbliebenen linken Viertellehen errichtete Joseph Keppelhofer in Folge sein Herrenhaus, während auf den beiden mittleren Viertellehen Peter Freiherr von Braun sein Herrenhaus errichtete, welches später an seinen Sohn Karl Freiherr von Braun überging und in welchem das heutige, neue Gemeindeamt untergebracht ist. Am Grund des rechten Viertellehens bestand bzw. entstand ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude, welches zur Jahrtausendwende abgerissen wurde und einen heute geschotterten Parkplatz als Baulücke hinterließ.

Als die Freiherren von Braun in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, erstand 1823 der aus Böhmen stammende Johann Martin Pacher von Theinburg den Besitz und somit auch die 3 rechten Viertellehen des Sollenauer Grätzels. Im Jahre 1856 verkauften die Erben nach Joseph Keppelhofer auch das verbliebene linke Viertellehen (Herrenhaus Keppelhofer) an die Familie Pacher von Theinburg, wonach diese beide Herrenhäuser am Sollenauer Grätzl besaßen.

Abb. 4: Die beiden Herrenhäuser des Joseph Keppelhofer (links) und der Freiherren von Braun (rechts), mit der noch ersichtlichen Gewölbebrücke davor
Abb. 5: Der prachtvolle Lustgarten des Herrenhauses „Freiherr von Braun“ am Standort des heutigen Kindergartens
Abb. 6: Der Turm des Herrenhauses „Freiherr von Braun“ in noch ungestörter Bauausführung, rechts davon das Gebäude am rechten Viertellehen, dessen Abriss die heutige Baulücke hinterließ.

Das (rechte) Herrenhaus Freiherr von Braun wechselte 1872 von der Familie Pacher von Theinburg in den Besitz der k. k. priv. Schönauer-Sollenauer-Baumwollgarn-Manufaktur. 1881 ging auch das (linke) Herrenhaus Keppelhofer in den Besitz dieser Gesellschaft über. Beide Herrenhäuser gingen dann 1910 in den Besitz von Konrad Kühne und ab 1912 in den Besitz der Vereinigten Österreichischen Textilindustrie AG, von welcher sie das Rote Kreuz, welches es an die Marktgemeinde Sollenau dann weiterreichte, mit Kaufvertrag vom 16. u. 18. Mai 1935 erwarb.

Im neuen Gemeindeamt wurde dann auch schon das anlässlich der 800-Jahr-Feierlichkeiten entworfene und vom Land NÖ verliehene Gemeindewappen verwendet. Man traute sich dann doch nicht, sich zu bedanken und auf das ältere, bereits in Verwendung stehende Wappen zu verweisen und besser huldvollst um Bestätigung desselben zu ersuchen, wonach das alte Wappen der Marktgemeinde Sollenau, welches noch am Torbogen des alten Gemeindeamtes Hauptlatz 9 ersichtlich ist, beiseitegelegt werden musste.

Abb. 7: Das bis 1958 in Verwendung stehende Wappen der Marktgemeinde Sollenau