Petrifeld

erstmalig erschienen in Nachrichten der Markgemeinde Sollenau, Ausgabe No. 2/2022 Mag. Jürgen Scheibenreif und Christian Gruber sen.

Südlich der Piesting, welche einst die Grenze zwischen Österreich (Matzendorf, Sollenau, Steinabrückl) und Steiermark (Wiener Neustadt) markierte, lag ein unwegsamer Landstrich, eine der grössten Steppengebiete Europas. Diese Heide, genannt Wiener Neustädter Heide oder Goldene Heide oder nachweislich schon seit 1238 Steinfeld, zog sich von Fischau und Wöllersdorf bis zur Quelle der Kalten Fischa und der Straße Pottendorf-Tattendorf. Das Gebiet war landwirtschaftlich unbrauchbar. Lediglich einige Wiesen rechts der Piesting waren landwirtschaftlich genutzt, ansonsten waren Teile der der Stadt Wiener Neustadt gehörenden Heide seit dem Mittelalter den angrenzenden Gemeinden als Weidestrecken verpachtet, so auch an Sollenau.

Werfen wir einen Blick auf den südlich der Piesting gelegenen sehr jungen Gemeindeteil von Sollenau und ergründen, wie es dazu kam, daß Sollenau über die Piesting trat. Aus volkswirtschaftlichen Gründen wurden im 18. Jahrhundert weite Strecken dieser Landschaft kultiviert. 1756 erfolgte die Ansiedlung zweier Pulverstampfen südlich der Piesting, gleichsam als Vorgänger des traditionsreichen Pulverwerks Roth, 1763 die Gründung von Theresienfeld, kurz darauf folgte um 1769/1770 die Anlage einer Siedlung „Auf der Heide“ von Wiener Neustadt (Heideansiedlung). 1811 wurde die Mühle auf heutigem Felixdorfer Grund errichtet, 1821 erfolgte die Lizitation von Grundstücken zur Errichtung von Felixdorf, allesamt auf Wiener Neustädter Grund. Nach der Explosion eines Pulverturms in Wien im Jahre 1779 kam es zur Errichtung der Pulvertürme „Am Steinfeld“, dem heutigen Groß-Mittel.

Hier liegen auch die Wurzeln von Petrifeld begründet. Petrifeld wurde in den ältesten Sollenauer Chroniken 1908 und 1958 nur sehr knapp beschrieben, womit ein großer Teil der Geschichte schlechthin nicht überliefert worden ist. Die Gedächtniskultur in Bezug auf Petrifeld war derart dürftig, daß heute auch schon vergessen ist, daß nur der Landstrich östlich der Venediger Straße (Triester Straße, B 17) einst Petrifeld und ursprünglich besiedelt war. Der westlich der Straße liegende Landstrich war nicht Petrifeld, sondern „Sollenauer 50 Joche“ genannt. Dies war auch dadurch ersichtlich, daß nur die Häuser östlich der Strasse eine Hausnummer von Petrifeld und die späteren Häuser auf der westlichen Seite eine Sollenauer Hausnummer trugen. Beide Teile haben eine unterschiedliche Geschichte. Aber eines haben die beiden Ortsteile Sollenaus gemeinsam: Sie sind die Wiege der Sollenauer Bürgermeister. Mit wenigen Ausnahmen stammen nämlich diese seit 1904 aus Petrifeld oder den gegenüberliegenden „Sollenauer 50 Jochen“ (Gruber 1904-1919, Stangl 1919, Blümel 1922- 1932, Pöpperl 1932-1934, Oswald 1938-1939, Reichl 1939-1945, Pöpperl 1945-1954, Wunderl 1954-1974, Podebradsky 1975-1984, Hrabec 1984-2003, König 2003-2010).

Abbildung 1: Abgrenzung zwischen Petrifeld in ursprünglichen Grenzen (blau) und den gegenüberliegenden Sollenauer 50 Jochen (grün)

Petrifeld

Der aus Deutschland stammende, erfolgreiche Landwirtschaftsbesitzer in Theresienfeld Bernhard Petri, welchem ua. die beiden nördlichsten Grundstücke östlich und westlich der Straße gehörten (Theresienfeld Nr. 1 und Nr. 69 „Petrihof“), verfügte in seinem rd. 1.000 Joch großen Grundbesitz über umfangreiche Gründe auf der Wiener Neustädter Heide zwischen Sollenau und Theresienfeld. Genauer gesagt gehörten ihm sämtliche Gründe östlich der Venediger Straße zwischen der Piesting-Brücke und der Theresienfelder Gemeindegrenze. Diese waren einst der Grundherrschaft Pottendorf untertänig.

Der Ursprung dieses rund 1.000 Joch-großen Grundbesitzes zwischen der Brücke von Sollenau und Theresienfeld lag aber schon in einem weiteren erfolgreichen landwirtschaftlichen Vorbesitzer, nämlich Joseph Michael Freiherr von Ehrenfels, begründet. Dieser schrieb betreffend seinem einstmaligen Besitz: „Ich hatte von dieser Neustädter Heide in den Jahren 1791/92 1000 Joch von der Hft. Pottendorf … erkauft. Ich wurde dadurch Eigenthümer des gesamten Zwischenraumes von Sollenau bis Theresienfeld, an der Kaiserstraße links. Ich errichtete allda eine bedeutende Schäfferei, die jetzt das Eigenthum des Herrn Petri ist …“. Zudem führte er aus: „Viel Einfluß hatte auf meine Niederlassung bei Wienerneustadt in Oestreich die Vorliebe zu Bienen. Ich kaufte vom Herrn Grafen Starhemberg aus seiner Herrschaft Pottendorf tausend Joch öden Landes … worauf der Buchweizen vortrefflich gerieth und überaus gut honigte. Hier legte ich in Oesterreich zuerst eine Bienenzucht von 100 Zuchtstöcken an.“

Im Jahre 1857 begann der Sohn von Bernhard Petri, August Karl, seine Gründe in Wiener Neustadt südlich der Sollenauer Piesting-Brücke in Größen zu 1.000 Quadratklaftern (=3.596 m2) zu parzellieren. Die älteste Behausung war. lt. Chronik 1908 das Haus Wiener Neustädter Str. 21. Daraus folgte eine Ansiedlung, welche sich östlich der Venediger Straße von der seit dem 18. Jahrhundert ansässigen Firma Schroll (Wr. Neustädter Straße 15) bis zum letzten Grundstück (Wr. Neustädter Straße 107), sowie entlang der Groß-Mittel-Straße erstreckte und die Bezeichnung Petrifeld erhielt, wobei die durchgehende Errichtung von Behausungen zunächst am Grundstück Wr. Neustädter Str. 91 (Petrifeld Nr. 36) endete. Der zwischen Piesting und Firma Schroll (Petrifeld Nr. 1) gelegene Grund entlang der heutigen Blumauer Straße verblieb dabei zunächst unbebaut. Die Familie Schroll war eine seit mehreren Generationen bereits tätige Seifensiederdynastie aus Ober-Wekelsdorf in Böhmen. Theodor Schroll und Josef Schroll (*14.02.1853) wechselten nach Wien-Gaudenzdorf, wobei die Familie auch mindestens seit 1873 in Petrifeld begütert war.

Der zeitliche Schwerpunkt der Bestiftung dürfte jedoch erst im Jahre 1872 liegen, weil im Grundbuch Ober-Eggendorf ersichtlich ist, dass durch Kaufverträge mit Datum 28.01.1872 zwölf Parzellen, mit Datum 05.06.1872 zwei Parzellen und mit Datum 29.08.1872 eine Parzelle an die neuen Besitzer gingen.

Herzstück von Petrifeld war gleichsam die Gastwirtschaft „Zur Deutschen Eiche“ (Petrifeld Nr. 19), welche durch Bernhard Petri errichtet wurde. 1885-1890 hatte diese die Familie Michael und Elisabeth Scheibenreif in Bestand und infolge Wegzug nach Pottenstein anschließend die Familie Rudolf u. Juliana Gruber, welche diese 1895 auch käuflich erwarben. Zu Petrifeld Nr. 19 gehörte auch der gegenüber, südlich der Großmittelstraße liegende Grund Petrifeld Nr. 20, auf welchem erst spät eine Behausung errichtet wurde.

Ein weiterer Gewerbebetrieb entstand in Petrifeld Nr. 28 (Wr. Neustädter Str. 73). Am 11.02.1877 heiratete Josef Janata, geb. 10.02.1849, Uhrmachermeister in 2. Generation aus Libstat in Böhmen die Hausbesitzerin Josepha Kudrna, Mühlmeistertochter aus Böhmen und begründete ein Uhrmachergewerbe.

Mit der Volkszählung per 31.12.1890 hatte sich Petrifeld bereits zu einer „Colonie“ von 40 Häusern und 367 Einwohnern entwickelt, wonach laut Erlass der k. k. n. ö. Statthalterei vom 7. März 1897, Z. 14754 die Zuweisung der „zur Colonie Petrifeld gehörigen Catastral- Parzellen“ zur Marktgemeinde Sollenau genehmigt wurde und damit Sollenau mit seinen Gemeindegrenzen über die jahrhundertealte Piesting-Grenze trat. Das nach Sollenau eingemeindete Petrifeld umfasste dabei das Gebiet von der Piesting-Brücke bis zum Grundstück Wr. Neustädter Straße 107, wo ein Weg von Haschendorf über die Heide nach Felixdorf, Hauptstraße 67 die Venediger Straße querte. Petrifeld zählte beim Übergang 45 Grundstücke (Petrifeld Nr. 1-45). Einige Häuser wurden erst nach dem Anschluß an Sollenau errichtet, z. B. das Fink-Haus. Ein Grundstück (Petrifeld Nr. 12, später Goldfuß) wurde nach dem Anschluß geteilt, woraufhin die südliche Hälfte (Bauzentrum Mayrhofer) die Bezeichnung Petrifeld Nr. 46 erhielt.

Abbildung 2: Ein längst vergessenes Gasthaus von Sollenau in Petrifeld Nr. 26 (Wr. Neustädter Str. 69), das Gasthaus Wiedemann, welches sich nur bis Mitte des 20. Jahrhunderts hielt. Auf dem Grundstück befand sich auch das Depot der Liesinger Brauerei, welches aufgrund von mangelnder Expansionsmöglichkeit auf das danebenliegende Grundstück Wr. Neustädter Str. 71 nach Wiener Neustadt am heutigen Standort verlegt wurde. Heute gehört das Areal der Fa. Beer (Petrifeld Nr. 24, 25 u. 26). In Petrifeld Nr. 26 war auch Wilhelm Reichl, geb. 21.09.1900 in der Wiener Alservorstadt, Bürgermeister von Sollenau 01.04.1939-01.04.1945 wohnhaft. Vor diesem Haus befand sich bis um 1810 die ursprüngliche Kreuzung, welche dann 200 Meter in Richtung Norden verlegt wurde.

Kirchlich war Petrifeld derart geregelt, dass ab 1872 der Nordteil von Petrifeld bis zur Groß- Mittel-Straße (Nr. 1-Nr. 19, Nr. 37-40, Nr. 43, Nr. 45-46) von der Pfarre Sollenau, der Südteil hingegen (Nr. 20-Nr. 36, Nr. 41-42, Nr. 44) von der Pfarre Theresienfeld zu betreuen war.

Wie weit aber die Autonomie Petrifelds von der Gemeinde Ober-Eggendorf schon gediehen war und daß es einst auch denkmöglich war, dieses Gebiet nicht Sollenau zuzuschlagen, sondern aufgrund von Lage und Geschichte Felixdorf bzw. Theresienfeld oder gar zu verselbständigen, zeugt die Nennung eines eigenen Gemeindevorstehers von Petrifeld am 05.05.1881 im Kirchenbuch der Pfarre Theresienfeld. Es war Christoph Fritsch, wohnhaft im Hause Petrifeld Nr. 12. Er wurde am 03.06.1827 in Altenteich, Böhmen geboren und begründete die Greißlerei und Tabak-Trafik. Er verstarb am 19.04.1911. Über seine Tochter wurde sie infolge Heirat zur Greißlerei Schneider und infolge der Verehelichung der Enkelin am 21.08.1932 mit Johann Goldfuß aus Brunn zur Greißlerei Goldfuß.

Abbildung 3: Aufnahme aus dem Jahre 1908: Der seit 1936 im Familienbesitz befindliche Koisser-Hof in Petrifeld Nr. 11 (Wr. Neustädter Str. 37), noch bis in die 1960er-/1970er-Jahre zweigeschoßig mit im EG befindlicher Drogerie Springinsfeld und dem angrenzenden „Chef-Haus“ (Petrifeld Nr. 12, Wr. Neustädter Str. 39), Greißlerei Fritsch bzw. Schneider bzw. Goldfuß. Gegenüber von Petrifeld, auf den Gründen der Sollenauer 50-Joche, befand sich noch keine Ansiedlung. Später wurde auf 3 gegenüberliegenden Parzellen die Shell-Tankstelle (heute Turmöl) von der aus Felixdorf stammenden Fam. Oswald errichtet. Franz Oswald, geb. 01.12.1894 war von 13.03.1938-30.03.1939 Bürgermeister von Sollenau. Seine Frau Luise führte den Betrieb nach seinem Ableben am 08.11.1945 (Pfarrkirchen, OÖ) weiter.
Abbildung 4: Aufnahme um 1935: Die Familie Wunderl am ursprünglichen Standort Petrifeld Nr. 17 (Wr. Neustädter Str. 53). Die Familie Wunderl ist eine aus Matzendorf stammende Familie, welche dort auch Dorfrichter stellte und die in Leobersdorf in das Schuhmachergeschäft einstieg. Am 02.03.1930 heiratete Franz Wunderl aus Leobersdorf seine Anna Maria Pawel aus Petrifeld (ab 1876 Urhaus Großmittelstraße 15, ursprünglich stammte die Fam. Pawel aus dem Raum Reichenau bei Königgrätz, Böhmen).

Sollenauer 50 Joche

Westlich der heutigen Wiener Neustädter Straße erhielt die Marktgemeinde Sollenau im Jahre 1821 ein 50-Joch großes Heide-Grundstück vom Verkäufer und Grundherren, der Stadt Wiener Neustadt, einverleibt („Sollenauer 50 Joche“). Dieses Grundstück war als Abgeltung von jahrhundertealten Weidepacht-Rechten im Zuge der Gründung von Felixdorf übereignet worden und war der Weide der Sollenauer Tiere gewidmet. Das Grundstück ähnelte einem Dreieck mit den Seiten Felixdorfer Mühlstraße, Sollenauer Mühlstraße und der Wiener Neustädter Straße (einst Venediger Straße).

Deshalb konnte sich Petrifeld nur östlich der Venediger Straße entwickeln und die heute dem Petrifeld hinzugerechneten Gründe westlich der Straße auf den „Sollenauer 50 Jochen“ wurden erst ab 1888 besiedelt. Das 1. Haus auf westlichem Grund war die jüngst abgerissene traditionsreiche Bäckerei Blaschke an der Kreuzung mit der Gutensteiner Strasse (heute Penny). Infolge der Verehelichung der Enkelin mit dem aus Kecskemet, Ungarn stammenden Stefan Gilly wurde sie zur Bäckerei Gilly.

Abbildung 5: Das 1. Haus gegenüber Petrifeld auf Sollenauer 50 Joche: Bäckerei Blaschke, später Bäckerei Gilly

Ein Teil der Sollenauer 50 Joche (rd. 4 Joch) wurde mit Gemeinderatsbeschluss der Mkt. Gem. Sollenau am 28.02.1869 an die Felixdorfer Weberei veräußert. Mit Erlass vom 24.02.1880 wurde dazu auch eine Grenzänderung durchgeführt und dieses Grundstück als Grst. 208 (=Mühlstraße 4) an Felixdorf abgetreten. Kirchlich verblieb dieses Grundstück, vorm. Sollenau Neugebäude Nr. 104 bzw. später Felixdorf Neugebäude Nr. 35 genannt, aber im Sollenauer Pfarrsprengel.

Ost-Petrifeld, sowie der Haschendorfer Zipf (gegenüber Blumauer Str. 11-37)

Erst 1940, mittels Gesetz des Großdeutschen Reiches, kamen die Teile des heutigen östlichen Petrifelds an Sollenau: Ungefähr bezeichnet handelt es sich um die östlich der Maria Theresien Straße und der Ebenseer-Straße befindlichen Grundstücke, welche sich nicht direkt entlang der Großmittelstraße bis zur Einschwenkung der Militärschleppbahn in Richtung Großmittel befanden.